T Tierlexikon.net
← Lexikon

Karnivore

K

Biologie & Ökologie > Systematik & Taxonomie

Definition und Überblick

Der Begriff Karnivore (lateinisch caro „Fleisch" und vorare „verschlingen") bezeichnet im weitesten Sinne jeden Organismus, der sich überwiegend oder ausschließlich von tierischem Gewebe ernährt. In der Biologie wird der Ausdruck in zwei unterschiedlichen Bedeutungen verwendet, die klar voneinander abgegrenzt werden müssen: Einerseits beschreibt er eine Ernährungsweise (Zoophagie bzw. Sarkophagie), andererseits eine konkrete taxonomische Ordnung innerhalb der Säugetiere – die Raubtiere (Carnivora). Nicht jedes Mitglied der Ordnung Carnivora ist zwingend ein Fleischfresser im ökologischen Sinne, und umgekehrt gibt es zahlreiche fleischfressende Tierarten, die taxonomisch keineswegs zu den Raubtieren gehören.

Karnivorie als Ernährungstyp

In der Ökologie und Ernährungsbiologie steht Karnivorie für die Strategie, den Energiebedarf hauptsächlich durch den Verzehr anderer Tiere zu decken. Karnivore Organismen bilden in nahezu jedem Ökosystem die höheren trophischen Ebenen der Nahrungskette. Man unterscheidet dabei mehrere Abstufungen:

  • Obligate Karnivoren (Hyperkarnivoren) – Arten, deren Nahrung zu mehr als 70 Prozent aus Fleisch besteht und deren Stoffwechsel auf tierische Proteine und Fette angewiesen ist. Beispiele sind Hauskatzen, Feliden allgemein, viele Schlangen und Greifvögel.
  • Mesokarnivoren – Arten, bei denen tierische Nahrung 50 bis 70 Prozent der Gesamtnahrung ausmacht. Der Rotfuchs oder der Dachs zählen hierzu.
  • Hypokarnivoren – Arten mit einem Fleischanteil unter 30 Prozent. Der Große Panda etwa gehört systematisch zu den Raubtieren, ernährt sich jedoch fast ausschließlich von Bambus.

Neben diesen Kategorien existieren spezialisierte Formen der Karnivorie. Insektivoren fressen vorwiegend Insekten und andere Gliederfüßer, Piscivoren haben sich auf Fische spezialisiert, und Avivoren jagen überwiegend Vögel. Alle diese Unterformen sind Ausprägungen der karnivoren Ernährungsweise.

Die Ordnung Carnivora – Systematische Einordnung

Die Ordnung Carnivora umfasst rund 270 rezente Arten und wird in zwei Unterordnungen gegliedert:

  • Caniformia (Hundeartige) – Hierzu gehören Familien wie Canidae (Hunde), Ursidae (Bären), Mustelidae (Marder), Procyonidae (Kleinbären), Otariidae (Ohrenrobben), Phocidae (Hundsrobben) und Odobenidae (Walrosse).
  • Feliformia (Katzenartige) – Zu dieser Unterordnung zählen unter anderem Felidae (Katzen), Hyaenidae (Hyänen), Herpestidae (Mangusten), Viverridae (Schleichkatzen) und Eupleridae (Madagaskar-Raubtiere).

Gemeinsames Merkmal aller Vertreter der Carnivora ist das sogenannte Scherengebiss (Brechschere), eine funktionelle Einheit aus dem vierten oberen Prämolaren und dem ersten unteren Molaren. Dieses Gebissmerkmal ermöglicht das effiziente Zerschneiden von Fleisch und Sehnen. Bei omnivoren Vertretern wie Bären ist die Brechschere allerdings zurückgebildet, die Backenzähne sind stattdessen flacher und breiter – eine Anpassung an pflanzliche Kost.

Anatomische und physiologische Merkmale

Karnivore Tiere – unabhängig von ihrer systematischen Zugehörigkeit – zeigen eine Reihe konvergenter Anpassungen an die Jagd und die Verwertung tierischer Nahrung:

  • Gebiss: Ausgeprägte Eckzähne (Canini) zum Greifen und Töten der Beute, scharfe Reißzähne zum Zerkleinern von Muskelfleisch und Knochen.
  • Verdauungstrakt: Ein vergleichsweise kurzer Darm, da tierisches Eiweiß schneller aufgespalten wird als pflanzliche Zellulose. Der Magen produziert stark saure Verdauungssäfte mit niedrigem pH-Wert.
  • Sinnesorgane: Viele Jäger besitzen nach vorne gerichtete Augen, die ein gutes räumliches Sehvermögen (Stereoskopie) ermöglichen. Ergänzt wird dies häufig durch einen ausgeprägten Geruchssinn oder ein hochempfindliches Gehör.
  • Bewegungsapparat: Muskulöse, oft langgliedrige Extremitäten erlauben schnelle Sprints oder ausdauernde Hetzjagden. Krallen dienen dem Festhalten der Beute.

Obligate Karnivoren wie Katzen können bestimmte Nährstoffe – etwa Taurin, Arachidonsäure und Retinol – nicht selbst synthetisieren und müssen diese zwingend über tierische Nahrung aufnehmen. Ein Mangel führt bei diesen Arten zu schweren Gesundheitsschäden.

Ökologische Bedeutung

Als Prädatoren regulieren Karnivoren die Populationsdichten ihrer Beutetiere und beeinflussen dadurch die Struktur ganzer Lebensgemeinschaften. Dieses Prinzip wird als Top-down-Regulation bezeichnet. Ein viel zitiertes Beispiel ist die Wiederansiedlung des Wolfs im Yellowstone-Nationalpark: Die Rückkehr des Spitzenprädators veränderte das Verhalten und die Bestandsgröße der Wapiti-Hirsche, was wiederum die Regeneration von Ufervegetation und damit die Stabilisierung von Flussläufen begünstigte – eine sogenannte trophische Kaskade.

Karnivoren gelten ökologisch häufig als Schlüsselarten (Keystone Species). Ihr Verschwinden kann weitreichende Folgen für das gesamte Ökosystem haben, da Beutetierpopulationen unkontroll