Komplexauge
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Definition & Überblick
Das Komplexauge (auch Facettenauge oder Compoundauge, lat. oculus compositus) ist ein aus zahlreichen Einzelelementen – den sogenannten Ommatidien – zusammengesetztes Sehorgan, das bei Arthropoden (Gliederfüßern) die dominierende Augenform darstellt. Es findet sich bei Insekten (Insecta), Krebstieren (Crustacea) und einigen wenigen anderen Invertebratengruppen. Im Gegensatz zum Linsen- oder Kameraauge der Wirbeltiere (Vertebrata), bei dem ein einzelnes optisches System ein zusammenhängendes Bild auf eine geschlossene Retina projiziert, erzeugt das Komplexauge ein mosaikartiges Gesamtbild aus vielen Einzelbildpunkten. Für die Veterinärmedizin und vergleichende Anatomie ist das Verständnis dieses Augentyps von Bedeutung, da Arthropoden als Ektoparasiten, Krankheitsüberträger (Vektoren) und Schadinsekten in der Tiermedizin eine erhebliche Rolle spielen.
Aufbau & Struktur
Jedes Komplexauge besteht aus einer variablen Anzahl von Ommatidien – von wenigen Dutzend bei manchen Ameisen bis zu über 30.000 Einzelaugen bei großen Libellen (Odonata). Jedes Ommatidium stellt eine funktionell eigenständige optische Einheit dar und ist aus folgenden Strukturen aufgebaut:
- Cornealinse (Cornea): Die äußerste, bikonvexe Linse aus transparentem Chitin. Sie bildet die hexagonale Facette, die dem Auge seinen charakteristischen wabenartigen Aspekt verleiht.
- Kristallkegel (Conus crystallinus): Ein unterhalb der Cornealinse gelegener, lichtbrechender Körper, der von vier sogenannten Semper-Zellen (Kristallkegelzellen) gebildet wird und das einfallende Licht auf die darunterliegenden Sinneszellen fokussiert.
- Retinulazellen (Cellulae retinulares): In der Regel acht langgestreckte Photorezeptorzellen, die das Licht in neuronale Signale umwandeln. Ihre lichtempfindlichen Membranbereiche ragen als Mikrovilli in den Zentralbereich des Ommatidiums und bilden gemeinsam das Rhabdom – die eigentliche photosensitive Struktur.
- Rhabdom: Das stabförmige, zentral liegende Lichtleiterelement, zusammengesetzt aus den Rhabdomeren der einzelnen Retinulazellen. Es enthält die Sehpigmente (Rhodopsine), die für die Phototransduktion verantwortlich sind.
- Pigmentzellen: Primäre und sekundäre Pigmentzellen umhüllen jedes Ommatidium und verhindern durch ihre Melanin- oder Ommochrom-haltigen Granula den seitlichen Lichtübertritt zwischen benachbarten Ommatidien (optische Isolation).
- Basalmembran: Die Basis des Ommatidiums, durch die die Axone der Retinulazellen zum optischen Ganglion (Lamina, Medulla) des Gehirns ziehen.
Funktion
Das Komplexauge arbeitet nach dem Prinzip der Mosaikbildverarbeitung (Appositionsprinzip). Jedes Ommatidium erfasst einen kleinen Raumwinkelbereich der Umgebung. Die Gesamtheit aller Ommatidien liefert ein zusammengesetztes, aufrecht stehendes Bild. Die räumliche Auflösung ist dabei wesentlich geringer als beim Kameraauge der Wirbeltiere, da sie von der Anzahl und dem Divergenzwinkel der Ommatidien abhängt.
Ein entscheidender funktioneller Vorteil des Komplexauges liegt in der herausragenden Bewegungswahrnehmung. Durch die große Anzahl nebeneinander angeordneter Detektoren und eine extrem hohe zeitliche Auflösung – bei der Stubenfliege (Musca domestica) bis zu 300 Bilder pro Sekunde – können selbst schnellste Bewegungen registriert werden. Wirbeltieraugen erreichen im Vergleich nur etwa 60 bis 80 Bilder pro Sekunde.
Darüber hinaus ermöglicht die geometrische Anordnung der Mikrovilli im Rhabdom vielen Arthropoden die Wahrnehmung der Polarisationsebene des Lichts, was insbesondere für die Navigation genutzt wird. Zahlreiche Insekten verfügen zusätzlich über ein erweitertes Farbsehen, das den ultravioletten Spektralbereich einschließt.
Unterschiede zwischen Tierarten
Innerhalb der Arthropoden variieren Komplexaugen erheblich in Bau und Leistungsfähigkeit:
- Insekten (Insecta): Zweiflügler (Diptera) wie die Stubenfliege besitzen typische Appositionsaugen mit optisch isolierten Ommatidien. Nachtaktive Insekten wie Nachtfalter (Lepidoptera, z. B. Manduca sexta) verfügen dagegen über Superpositionsaugen, bei denen die Pigmentzellen sich zurückziehen und Licht mehrerer Cornealinsen auf ein einziges Rhabdom gebündelt wird – dies steigert die Lichtempfindlichkeit um ein Vielfaches.
- Krebstiere (Crustacea): Viele Dekapoden wie Garnelen und Langusten besitzen reflektierende Superpositionsaugen, bei denen spiegelartige Wände der Kristallkegel das Licht umlenken – ein optisches System, das bei Insekten nicht vorkommt.
- Fangschreckenkrebse (Stomatopoda): Diese besitzen die komplexesten Komplexaugen im Tierreich mit bis zu 16 verschiedenen Photorezeptortypen, die UV-, Infrarot- und Polarisationssehen ermöglichen.
- Trilobiten (fossil): Die frühesten bekannten Komplexaugen stammen aus dem Kambrium. Einige Trilobiten besaßen Linsen aus kristallinem Calcit mit Magnesium-dotierter Korrektur sphärischer Aberration – eine bemerkenswerte evolutionäre Lösung.
Besonderheiten
Neben den paarigen Kompl