Labmagen
LAnatomie & Körperbau > Innere Organe & Systeme
Definition & Überblick
Der Labmagen (lat. Abomasum) ist der vierte und letzte Abschnitt des mehrhöhligen Wiederkäuermagens. Er entspricht funktionell dem einfachen Magen (Ventriculus) der monogastrischen Säugetiere und ist der einzige Magenabschnitt der Wiederkäuer, in dem eine enzymatische und salzsäurehaltige Verdauung stattfindet. Im Gegensatz zu den drei Vormägen – Pansen (Rumen), Netzmagen (Reticulum) und Blättermagen (Omasum) – besitzt der Labmagen eine drüsenhaltige Schleimhaut, die ihn als eigentlichen Drüsenmagen (Glandularmagen) kennzeichnet. Der Begriff „Lab" leitet sich vom Labferment (Chymosin) ab, das hier sezerniert wird und historisch zur Käseherstellung aus Kälbermägen gewonnen wurde.
Aufbau & Struktur
Der Labmagen liegt beim Rind im ventralen Bereich der Bauchhöhle, überwiegend rechts der Medianebene, und erstreckt sich vom Blättermagen-Labmagen-Übergang (Ostium omasoabomasale) bis zum Pylorus, der den Übergang zum Duodenum bildet. Morphologisch lassen sich drei Abschnitte unterscheiden:
- Fundusregion (Fundus abomasi): Der größte Abschnitt mit zahlreichen Fundusdrüsen, die Pepsinogen und Salzsäure produzieren. Die Schleimhaut ist in charakteristische Labmagenfalten (Plicae spirales abomasi) gelegt, die die Oberfläche vergrößern und die Ingesta leiten.
- Corpusregion (Corpus abomasi): Der mittlere Abschnitt, der ebenfalls reich an Hauptzellen und Belegzellen (Parietalzellen) ist.
- Pylorusregion (Pars pylorica): Der distale, engerlumige Anteil mit vorwiegend Pylorusdrüsen, die muköses Sekret und Gastrin produzieren. Der Musculus sphincter pylori reguliert den Chymusübertritt ins Duodenum.
Die Wand des Labmagens folgt dem typischen Aufbau des Gastrointestinaltrakts mit Tunica mucosa, Tela submucosa, Tunica muscularis (mit innerer Ringmuskel- und äußerer Längsmuskelschicht) und Tunica serosa. Die Schleimhaut ist mit einem einschichtigen hochprismatischen Epithel ausgekleidet, das an der Oberfläche Schleim sezerniert und so die Magenwand vor Autodigestion schützt. Im Bereich der Fundusdrüsen finden sich Hauptzellen (Pepsinogenproduktion), Belegzellen (HCl-Sekretion) und Nebenzellen (Schleimsekretion). Die Blutversorgung erfolgt über Äste der Arteria gastrica sinistra und Arteria gastroepiploica.
Funktion
Der Labmagen übernimmt die chemische Verdauung, die in den Vormägen nicht stattfindet. In einem stark sauren Milieu mit einem pH-Wert zwischen 2 und 3 werden die aus den Vormägen stammenden Ingesta – einschließlich massenhaft abgestorbener Pansenmikroben – enzymatisch aufgeschlossen. Pepsinogen wird durch Salzsäure zu Pepsin aktiviert und spaltet Proteine in Polypeptide. Bei Jungtieren spielt das Chymosin (Labferment, Rennin) eine zentrale Rolle bei der Milchgerinnung: Es fällt Kasein aus und ermöglicht so eine prolongierte enzymatische Bearbeitung der Milchproteine.
Die Salzsäure dient neben der Enzymaktivierung auch der Abtötung von Mikroorganismen, die mit dem Futterbrei aus dem Pansen gelangen. Der mikrobielle Abbau im Pansen liefert den Wiederkäuern zwar flüchtige Fettsäuren als Energiequelle, doch die Mikroben selbst stellen eine bedeutende Proteinquelle dar, die erst im Labmagen und anschließend im Dünndarm verdaut und resorbiert wird.
Die Magenmotilität sorgt für Durchmischung und gesteuerten Transport des Chymus zum Pylorus. Gastrin, das von den G-Zellen der Pylorusregion freigesetzt wird, stimuliert die Säure- und Pepsinogensekretion und reguliert die Magenmotilität.
Unterschiede zwischen Tierarten
Der Labmagen kommt in seiner klassischen Form bei allen Wiederkäuern (Ruminantia) vor – also bei Rindern, Schafen, Ziegen, Hirschen und Giraffen. Zwischen den Spezies bestehen jedoch Größenunterschiede, die mit dem Körpergewicht und der Futterstrategie korrelieren:
- Beim Rind fasst der Labmagen etwa 7 bis 15 Liter und liegt birnenförmig im rechten ventralen Quadranten der Bauchhöhle.
- Bei Schaf und Ziege beträgt das Fassungsvermögen etwa 1 bis 3 Liter; der Aufbau ist dem des Rindes analog, jedoch proportional kleiner.
- Bei Kameliden (Lama, Alpaka, Dromedar) fehlt ein eigenständiger Blättermagen; der dritte Magenabschnitt (C3) übernimmt Labmagenfunktionen und wird gelegentlich als „funktioneller Labmagen" bezeichnet, obwohl die Dreigliedrigkeit des Kameliden-Magens nicht direkt mit dem Vierkammermagen der echten Wiederkäuer homologisierbar ist.
- Bei monogastrischen Tieren wie Pferd, Schwein oder Hund existiert kein Labmagen im engeren Sinne – hier übernimmt der einfache Magen (Ventriculus, Gaster) die gesamte Magenverdauung.
Beim neugeborenen Kalb nimmt der Labmagen noch den größten Anteil am Gesamtmagenvolumen ein, da die Vormägen erst mit der Aufnahme von Raufutter ihre volle Größe entwickeln. Über die Schlundrinne (Sulcus reticuli) wird die Milch bei Saugkälbern dir