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Netzmagen

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Anatomie & Körperbau > Innere Organe & Systeme

Definition & Überblick

Der Netzmagen (lat. Reticulum) ist die zweite Abteilung des mehrhöhligen Wiederkäuermagens und bildet zusammen mit dem Pansen (Rumen), dem Blättermagen (Omasum) und dem Labmagen (Abomasum) das charakteristische Vormagensystem der Ruminantia. Aufgrund seiner engen funktionellen und topographischen Verbindung zum Pansen werden beide Organe häufig als Reticulorumen zusammengefasst. Der Netzmagen liegt im ventralen Bereich der Bauchhöhle, unmittelbar kranial des Pansens und kaudal des Zwerchfells. Seinen deutschen Namen verdankt er der auffälligen, netzartigen Schleimhautstruktur, die an eine Bienenwabe erinnert – weshalb er im Englischen auch als honeycomb stomach bezeichnet wird.

Aufbau & Struktur

Der Netzmagen ist die kleinste der vier Magenabteilungen beim Wiederkäuer. Beim adulten Rind fasst er etwa 5–10 Liter, beim Schaf entsprechend weniger. Er besitzt eine annähernd birnenförmige Gestalt und liegt in enger Nachbarschaft zum Zwerchfell (Diaphragma), dem Herzbeutel (Pericardium) und der Leber (Hepar).

Das makroskopisch auffälligste Merkmal ist die Innenauskleidung der Tunica mucosa: Die Schleimhaut bildet leistenförmige Falten, die sich zu einem regelmäßigen Netz aus vier- bis sechseckigen Feldern (Cellulae reticuli) zusammenfügen. Diese Wabenstruktur erreicht eine Leistenhöhe von bis zu 1,5 cm und vergrößert die Oberfläche erheblich. Die Leisten tragen an ihren Kanten kleine, kegelförmige Papillen, die in Richtung der Magenöffnung weisen.

Histologisch gehört der Netzmagen – wie die übrigen Vormägen – zu den drüsenlosen Abschnitten des Magens. Die Schleimhaut besteht aus einem mehrschichtigen, verhornten Plattenepithel, das von einer kräftigen Lamina muscularis mucosae unterlagert wird. Die Muskelwand setzt sich aus einer inneren Ring- und einer äußeren Längsmuskelschicht zusammen, die für die rhythmischen Kontraktionen des Reticulums verantwortlich sind.

Zwischen Netzmagen und Pansen besteht eine weite Kommunikation über die Plica ruminoreticularis (Pansen-Netzmagen-Falte). Die Schlundrinne (Sulcus reticularis), auch Haubenrinne genannt, verläuft als muskuläre Rinne an der Wand des Reticulums vom Ostium cardiacum (Speiseröhreneinmündung) zum Ostium reticuloomasicum (Übergang zum Blättermagen). Diese Rinne spielt besonders bei Jungtieren eine zentrale Rolle.

Funktion

Der Netzmagen erfüllt mehrere zentrale Aufgaben im Verdauungsprozess der Wiederkäuer:

  • Sortier- und Siebfunktion: Die wabenartige Schleimhautstruktur wirkt als mechanischer Filter. Grobe, noch unzureichend zerkleinerte Futterpartikel werden zurück in den Pansen befördert, wo sie erneut dem mikrobiellen Abbau und dem Wiederkauvorgang (Rumination) unterzogen werden. Feinere Partikel und Flüssigkeit gelangen über das Ostium reticuloomasicum weiter in den Blättermagen.
  • Motorische Steuerung: Der Netzmagen kontrahiert sich biphasisch: Eine erste Kontraktion reduziert das Lumen partiell, eine zweite, kräftigere Kontraktion presst den Inhalt entweder in den Pansen zurück oder treibt ihn weiter in den Blättermagen. Diese Reticulumkontraktionen bilden den Taktgeber für den gesamten Vormagenmotorik-Zyklus und treten beim Rind etwa ein- bis dreimal pro Minute auf.
  • Schlundrinnenreflex: Bei Saugkälbern schließt sich die Schlundrinne reflexartig zu einer geschlossenen Röhre, sodass die aufgenommene Milch unter Umgehung von Pansen und Netzmagen direkt in den Labmagen gelangt. Dieser Schlundrinnenreflex wird durch den Saugakt und chemische Reize (Milchproteine, Elektrolyte) über den Nervus vagus ausgelöst. Mit zunehmendem Alter und dem Übergang zur Raufutteraufnahme verliert sich dieser Reflex weitgehend.

Unterschiede zwischen Tierarten

Ein funktionsfähiger Netzmagen findet sich ausschließlich bei den Wiederkäuern (Ruminantia). Die Größenverhältnisse variieren zwischen den Spezies:

  • Beim Rind (Bos taurus) ist das Reticulum am größten ausgeprägt und fasst 5–10 Liter. Die Wabenstruktur ist hoch und regelmäßig.
  • Bei Schafen (Ovis aries) und Ziegen (Capra aegagrus hircus) ist der Netzmagen entsprechend kleiner dimensioniert, weist aber eine vergleichbare Wabenarchitektur auf.
  • Bei Wildwiederkäuern wie dem Reh (Capreolus capreolus) als Konzentratselektierer sind die Vormägen insgesamt weniger voluminös; die Wabenleisten des Reticulums sind niedriger.
  • Kameliden (Lama, Alpaka, Kamel) besitzen einen dreiteiligen Magen, dessen erste Abteilung (C1) funktionelle Analogien zum Reticulorumen aufweist, jedoch keine echten Cellulae reticuli ausbildet. Man spricht hier nicht von einem Netzmagen im eigentlichen Sinne.
  • Monogastrier wie Pferd, Schwein, Hund und Katze besitzen keinen Netzmagen. Ihr einhöhliger Magen (Ventriculus simplex) übernimmt keine vergleichbare Sortierfunktion.

Besonderheiten

Die unmittelbare Nachbarschaft des Netzmagens zum Zwerchfell und zum Herzbeutel ist von großer klinischer Bedeutung