T Tierlexikon.net
← Lexikon

Ohr

O

Anatomie & Körperbau > Kopf & Sinnesorgane

Definition & Überblick

Das Ohr (Auris) ist ein paarig angelegtes Sinnesorgan am Kopf der Wirbeltiere, das zwei grundlegende Funktionen erfüllt: die Wahrnehmung von Schallwellen (auditorische Funktion) und die Registrierung von Lage- und Bewegungsänderungen des Körpers im Raum (vestibuläre Funktion). Es wird anatomisch in drei Abschnitte gegliedert: das äußere Ohr (Auris externa), das Mittelohr (Auris media) und das Innenohr (Auris interna). Während das äußere Ohr in Größe und Form zwischen den Tierarten erheblich variiert, sind Mittel- und Innenohr bei allen Haussäugetieren nach einem gemeinsamen Grundbauplan organisiert.

Aufbau & Struktur

Das äußere Ohr besteht aus der Ohrmuschel (Auricula) und dem äußeren Gehörgang (Meatus acusticus externus). Die Ohrmuschel wird von einem elastischen Knorpel (Cartilago auriculae) gestützt, der ihr die artspezifische Form verleiht. Zahlreiche Muskeln – beim Pferd bis zu 16 einzelne Ohrmuskeln – ermöglichen eine gezielte Bewegung der Muschel. Der äußere Gehörgang ist mit Haut ausgekleidet, die Haare, Talg- und Zeruminaldrüsen (Glandulae ceruminosae) trägt. Diese Drüsen produzieren das Ohrenschmalz (Cerumen), das eine Schutzfunktion gegen Fremdkörper und Mikroorganismen übernimmt. Am Ende des Gehörgangs liegt das Trommelfell (Membrana tympanica), eine dünne, dreischichtige Membran, die den Übergang zum Mittelohr bildet.

Das Mittelohr befindet sich in der Paukenhöhle (Cavum tympani), einem luftgefüllten Raum im Felsenbein (Os petrosum) des Schläfenbeins. In der Paukenhöhle liegen die drei Gehörknöchelchen: Hammer (Malleus), Amboss (Incus) und Steigbügel (Stapes). Diese bilden eine Kette, die mechanische Schwingungen vom Trommelfell auf das ovale Fenster (Fenestra vestibuli) überträgt. Die Ohrtrompete (Tuba auditiva, Eustach'sche Röhre) verbindet die Paukenhöhle mit dem Nasenrachen und sorgt für den Druckausgleich.

Das Innenohr liegt geschützt im Felsenbein und gliedert sich in das knöcherne Labyrinth (Labyrinthus osseus) und das darin eingebettete häutige Labyrinth (Labyrinthus membranaceus). Funktionell unterscheidet man den Hörapparat – die Schnecke (Cochlea) mit dem Corti-Organ (Organum spirale) als eigentlichem Schallrezeptor – vom Gleichgewichtsorgan (Organon vestibulare), das aus den drei Bogengängen (Ductus semicirculares), dem Utriculus und dem Sacculus besteht. Die Sinneszellen des Innenohrs sind sekundäre Sinneszellen (Haarzellen), die Reize über den Nervus vestibulocochlearis (VIII. Hirnnerv) an das Gehirn weiterleiten.

Funktion

Die Ohrmuschel fungiert als Schalltrichter und bündelt eintreffende Schallwellen in den Gehörgang. Die Schwingungen versetzen das Trommelfell in Vibration, die über die Gehörknöchelchenkette auf das ovale Fenster übertragen wird. Dabei erfolgt eine Impedanzanpassung: Die Gehörknöchelchen verstärken den Schalldruck etwa um das 20- bis 25-Fache, um die Energie verlustarm vom luftgefüllten Mittelohr auf die Flüssigkeit (Perilymphe, Endolymphe) des Innenohrs zu übertragen. In der Cochlea wandern die Druckwellen als Wanderwelle über die Basilarmembran und regen frequenzspezifisch die Haarzellen des Corti-Organs an – eine tonotope Anordnung, bei der hohe Frequenzen basal und tiefe Frequenzen apikal codiert werden.

Das Gleichgewichtsorgan registriert über die Cristae ampullares in den Bogengängen Drehbeschleunigungen und über die Maculae in Utriculus und Sacculus lineare Beschleunigungen sowie die Schwerkraft. Diese vestibulären Informationen sind für die Koordination von Haltung, Bewegung und Augenbewegungen unverzichtbar.

Unterschiede zwischen Tierarten

  • Pferd: Große, aufrecht stehende Ohrmuscheln mit ausgeprägter Beweglichkeit (nahezu 180°-Drehung). Der Hörbereich reicht bis etwa 33 kHz. Die Paukenhöhle ist vergleichsweise klein. Die Ohrstellung dient auch der intraspezifischen Kommunikation.
  • Hund: Je nach Rasse Steh- oder Hängeohren. Der Gehörgang verläuft zunächst vertikal, dann horizontal (L-förmig), was die Anfälligkeit für Gehörgangsentzündungen erhöht. Der Hörbereich erstreckt sich bis etwa 45 kHz.
  • Katze: Aufgerichtete, trichterförmige Ohrmuscheln mit über 30 Muskeln. Katzen hören bis rund 64 kHz – einer der weitesten Hörbereiche unter den Haussäugetieren. Die Paukenblase (Bulla tympanica) ist zweikammrig und besonders voluminös.
  • Rind: Relativ kleine, seitlich abstehende Ohrmuscheln mit geringer Beweglichkeit. Die Bulla tympanica ist groß und dickwandig.
  • Kaninchen: Extrem verlängerte Ohrmuscheln, die je nach Rasse bis zu 20 cm messen. Sie dienen neben der Schalllokalisation auch der Thermoregulation über ein dichtes subkutanes Gefäßnetz.
  • Vögel: Kein äußeres Ohr im engeren Sinne; anstelle einer Ohrmuschel umgibt bei vielen Arten ein