Reich
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Definition und Überblick
Das Reich (lateinisch Regnum, englisch Kingdom) ist eine der höchsten Rangstufen in der biologischen Systematik. Es fasst Lebewesen zusammen, die grundlegende Gemeinsamkeiten im Zellaufbau, in der Ernährungsweise und in ihrer stammesgeschichtlichen Verwandtschaft teilen. Innerhalb der taxonomischen Hierarchie steht das Reich direkt unterhalb der Domäne (auch Überreich genannt) und oberhalb des Stammes (Phylum). Für die Zoologie ist vor allem das Reich der Tiere (Animalia) von zentraler Bedeutung, doch das Konzept des Reiches betrifft die gesamte Biologie und ordnet sämtliche bekannten Organismen in ein übergeordnetes System ein.
Geschichtliche Entwicklung des Reichskonzepts
Die Idee, Lebewesen in große Gruppen einzuteilen, reicht bis in die Antike zurück. Bereits Aristoteles unterschied zwischen Tieren und Pflanzen. Diese Zweiteilung in ein Tierreich und ein Pflanzenreich blieb über Jahrhunderte die Grundlage der Naturgeschichte. Carl von Linné formalisierte dieses Zwei-Reiche-System im 18. Jahrhundert in seinem Werk Systema Naturae und ergänzte ein drittes Reich für Mineralien (Regnum Lapideum), das später wieder aufgegeben wurde, da Mineralien keine Lebewesen sind.
Mit der Entdeckung der Mikroorganismen durch die Mikroskopie gerieten die Grenzen zwischen Tier und Pflanze ins Wanken. Ernst Haeckel schlug 1866 ein drittes Reich der Lebewesen vor – die Protista – für einzellige Organismen, die sich keinem der beiden klassischen Reiche eindeutig zuordnen ließen. Im 20. Jahrhundert folgten weitere Erweiterungen: Herbert Copeland führte 1938 das Reich der Monera (Prokaryoten) ein, und Robert Whittaker etablierte 1969 das bis heute einflussreiche Fünf-Reiche-System, das Monera, Protista, Plantae, Fungi und Animalia umfasst.
Aktuelle Einteilung: Reiche und Domänen
Seit den 1990er-Jahren hat sich durch die Arbeiten von Carl Woese das Drei-Domänen-System durchgesetzt. Es unterscheidet die Domänen Bacteria, Archaea und Eukarya auf Grundlage molekularer Merkmale, insbesondere der ribosomalen RNA. Die Reiche sind innerhalb dieses Systems weiterhin gebräuchlich, ordnen sich aber der Domänenebene unter. Für die Domäne Eukarya werden je nach Autor unterschiedlich viele Reiche anerkannt. Die gängigsten sind:
- Animalia (Tiere) – vielzellige, heterotrophe Organismen ohne Zellwand
- Plantae (Pflanzen) – vielzellige, autotrophe Organismen mit Zellwand aus Cellulose
- Fungi (Pilze) – heterotrophe Organismen mit Zellwand aus Chitin, die Nährstoffe durch Absorption aufnehmen
- Protista (Protisten) – eine heterogene Sammelgruppe überwiegend einzelliger Eukaryoten
Die Domänen Bacteria und Archaea werden häufig jeweils als eigenes Reich behandelt, obwohl ihre interne Systematik Gegenstand laufender Forschung ist. Moderne phylogenetische Analysen zeigen zudem, dass die Protista keine natürliche Verwandtschaftsgruppe (Monophylum) bilden, weshalb sie in jüngeren Klassifikationen oft in mehrere eigenständige Gruppen aufgeteilt werden.
Das Tierreich (Animalia) im Detail
Für ein Tierlexikon ist das Reich Animalia die zentrale Bezugsgröße. Alle Tiere sind eukaryotische, vielzellige Organismen, die sich heterotroph ernähren – sie nehmen also organische Nahrung auf, anstatt wie Pflanzen Photosynthese zu betreiben. Weitere gemeinsame Merkmale sind das Fehlen einer starren Zellwand, die Fähigkeit zur aktiven Fortbewegung zumindest in einem Lebensstadium sowie die Entwicklung aus einer Blastula während der Embryonalentwicklung.
Das Tierreich gliedert sich in zahlreiche Stämme (Phyla), darunter die bekanntesten:
- Chordata (Chordatiere) – umfasst Wirbeltiere wie Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische
- Arthropoda (Gliederfüßer) – die artenreichste Gruppe mit Insekten, Spinnen und Krebstieren
- Mollusca (Weichtiere) – Schnecken, Muscheln und Kopffüßer
- Annelida (Ringelwürmer) – segmentierte Würmer wie der Regenwurm
- Cnidaria (Nesseltiere) – Quallen, Korallen und Seeanemonen
Insgesamt sind über 35 Tierstämme beschrieben. Die geschätzte Artenzahl im Tierreich liegt bei mehreren Millionen, wobei ein Großteil noch unbeschrieben ist – vor allem unter den Insekten und marinen Kleinstlebewesen.
Bedeutung der Rangstufe Reich in der modernen Systematik
Die Rangstufe des Reiches steht heute in einem Spannungsfeld zwischen traditioneller Linnéscher Taxonomie und moderner Phylogenetik. Während klassische Systematiker feste Rangkategorien wie Art, Gattung, Familie, Ordnung, Klasse, Stamm und Reich verwenden, bevorzugt die Kladistik ein rangloses System, das allein auf Verwandtschaftsbeziehungen basiert. In der Praxis werden beide Ansätze kombiniert: Reiche dienen als nützliche Orientierungskategorien, auch wenn ihre exakte Abgrenzung nicht immer den phylogenetischen Verhältnissen entspricht.
Ein Beispiel für diese Problematik ist die Stellung der Pilze. Lange Zeit dem Pflanzenreich zugeordnet, gelten Fungi heute als eigenständiges Reich, das molekulargenetisch näher mit den Tieren