Sardelle
STierart – Fische > Meeresfische – Speise & Wild
Steckbrief
- Wissenschaftlicher Name: Engraulis encrasicolus
- Ordnung: Heringsartige (Clupeiformes)
- Familie: Sardellen (Engraulidae)
- Gattung: Engraulis
- Lebensraum: Küstennahe Meeresgewässer, Brackwasser, gelegentlich Flussmündungen
- Größe: 10–20 cm, selten bis 22 cm
- Gewicht: 10–50 g
- Lebenserwartung: 3–5 Jahre
Aussehen & Merkmale
Die Europäische Sardelle ist ein kleiner, schlanker Schwarmfisch mit einem langgestreckten, seitlich leicht abgeflachten Körper. Charakteristisch ist die auffällig große Mundspalte, die weit hinter das Auge reicht – ein Merkmal, das die Sardelle deutlich von der verwandten Sardine (Sardina pilchardus) unterscheidet. Der Oberkiefer überragt den Unterkiefer deutlich, was der Sardelle ein markantes Profil verleiht.
Die Rückenseite ist blaugrün bis graugrün gefärbt, die Flanken zeigen einen silbrig glänzenden Längsstreifen, und die Bauchseite ist silberweiß. Die Schuppen sind klein, dünn und fallen leicht ab (sogenannte Cycloidschuppen). Die Rückenflosse sitzt etwa in der Körpermitte, die Afterflosse liegt deutlich dahinter. Die Schwanzflosse ist gegabelt. Die Körperform ist insgesamt hydrodynamisch optimiert und typisch für pelagisch lebende Kleinfische.
Lebensraum & Verbreitung
Das Verbreitungsgebiet der Europäischen Sardelle erstreckt sich über den gesamten Ostatlantik von der norwegischen Küste bis nach Südafrika. Ihre höchste Populationsdichte erreicht sie im Mittelmeer, im Schwarzen Meer und im östlichen Atlantik vor der iberischen Halbinsel und der nordafrikanischen Küste. Auch in der Nordsee treten Sardellen auf, wobei die Bestände dort in warmen Jahren zunehmen.
Als Habitat bevorzugt die Sardelle küstennahe, flache Meeresgebiete mit Wassertiefen bis etwa 150 Meter. Sie hält sich überwiegend in den oberen Wasserschichten auf (epipelagische Zone) und dringt regelmäßig in Brackwasserzonen, Lagunen und Flussmündungen ein. Die Wassertemperatur spielt eine entscheidende Rolle für die Verbreitung: Sardellen meiden Temperaturen unter 5 °C und bevorzugen Bereiche zwischen 14 und 20 °C. Saisonale Wanderungen zwischen Laich- und Überwinterungsgebieten sind gut dokumentiert.
Ernährung
Sardellen sind planktivore Filtrierer und aktive Jäger zugleich. Sie ernähren sich überwiegend von tierischem Plankton, insbesondere von Copepoden, Krill-Larven, Fischeiern und anderen kleinen Krebstieren des Zooplanktons. Ergänzend wird auch Phytoplankton aufgenommen, vor allem bei hoher Algendichte.
Beim Fressen nutzen Sardellen zwei Strategien: Entweder schwimmen sie mit geöffnetem Maul durch Planktonwolken und filtern die Nahrungspartikel über ihre feinen Kiemenreusendornen, oder sie schnappen gezielt nach einzelnen, größeren Beuteorganismen. Die Nahrungsaufnahme findet vorwiegend tagsüber statt, wobei die Schwärme in der Dämmerung und nachts in tiefere Wasserschichten absinken.
Verhalten & Lebensweise
Die Sardelle ist ein ausgesprochener Schwarmfisch. Sie bildet dichte, oft aus Tausenden bis Millionen Individuen bestehende Schulen, die sich synchron durch die Wassersäule bewegen. Dieses Schwarmverhalten dient primär dem Schutz vor Fressfeinden – darunter Thunfische, Makrelen, Delfine, Seevögel und diverse Haiarten.
Die Schwärme zeigen ein ausgeprägtes Vertikalwanderungsverhalten (diurnale Vertikalmigration). Tagsüber halten sie sich in Tiefen von 20 bis 80 Metern auf, nachts steigen sie in oberflächennahe Schichten auf. Saisonale Wanderungen führen die Tiere im Frühjahr in flache Küstengewässer zum Laichen und im Herbst in tiefere, wärmere Offshore-Bereiche zur Überwinterung. Die Sardelle ist kein revierbildender Fisch; ihr gesamtes Sozialverhalten ist auf den Schwarm ausgerichtet.
Fortpflanzung & Aufzucht
Die Laichzeit der Europäischen Sardelle liegt hauptsächlich zwischen April und September, mit einem Höhepunkt in den Sommermonaten. Die Geschlechtsreife wird im Alter von etwa einem Jahr bei einer Körperlänge von rund 9–10 cm erreicht.
Sardellen sind Freilaicher. Die Weibchen geben in mehreren Schüben insgesamt 10.000 bis 50.000 Eier ins offene Wasser ab, die von den Männchen im Schwarm befruchtet werden. Die Eier sind oval, pelagisch und treiben nahe der Wasseroberfläche. Nach etwa 24 bis 65 Stunden – abhängig von der Wassertemperatur – schlüpfen die Larven. Diese sind nur 2–3 mm lang und zunächst vollständig auf den Dottersack angewiesen. Innerhalb weniger Wochen gehen sie zur Planktonernährung über. Eine gezielte Brutpflege findet nicht statt; die hohe Eiproduktion kompensiert die enormen Verluste durch Prädation und Strömungsverdriftung.
Bedrohung & Schutzstatus
Die IUCN stuft die Europäische Sardelle (Engraulis encrasicolus) als „Least Concern" (nicht gefährdet) ein. Die Art ist weit verbreitet und grundsätzlich reproduktionsstark. Dennoch unterliegen einzelne Bestände erheblichem Fischereidruck. Der Golf von Biskaya war ein prominentes Beispiel: Dort brach der Sardellenbestand Anfang der 2000er-Jahre so stark ein, dass die EU zwischen 2005 und 2010 ein vollständiges Fangverbot verhängte. Nach dieser Schonzeit erholte sich die Population deutlich.
Langfristige Bedrohungen ergeben sich durch die Erwärmung der Meere, die zu Verschiebungen der Verbreitungsgebiete und Veränderungen in der Planktonzusamm