Stange
SAnatomie & Körperbau > Kopf & Sinnesorgane
Definition & Überblick
Als Stange wird in der veterinärmedizinischen Anatomie der zahnlose Abschnitt des Unterkiefers (Diastema mandibulae) beim Pferd bezeichnet, der zwischen den Schneidezähnen (Dentes incisivi) und den Backenzähnen (Dentes praemolares) liegt. Bei Stuten und Wallachen umfasst dieser Bereich die gesamte zahnfreie Lücke, während bei Hengsten gelegentlich die Hengstzähne (Dentes canini) in diesem Abschnitt durchbrechen, ohne die funktionelle Bedeutung der Stange grundlegend zu verändern.
Die Stange ist von zentraler Bedeutung für die Einwirkung des Gebisses (Trense, Kandare) bei der Reiterei und beim Fahren. Die dünne, empfindliche Schleimhaut über dem Knochenrand macht diesen Bereich besonders sensibel gegenüber Druckeinwirkungen – eine Eigenschaft, die seit Jahrtausenden in der Kommunikation zwischen Mensch und Pferd genutzt wird.
Aufbau & Struktur
Die Stange erstreckt sich über den Margo interalveolaris, den zahnlosen Rand des Unterkieferkörpers (Corpus mandibulae). Dieser knöcherne Abschnitt liegt zwischen dem Alveolarfach des letzten Schneidezahns (I3) und dem ersten Prämolaren (P2) bzw. dem Caninus, sofern vorhanden. Die Länge des Diastemas beträgt beim adulten Pferd etwa 8 bis 12 Zentimeter.
Anatomisch gliedert sich die Stange in folgende Schichten:
- Knöcherne Grundlage: Der Margo interalveolaris bildet einen scharfkantigen bis leicht abgerundeten Knochenrand des Unterkieferkörpers. Die Kompakta (Substantia compacta) ist in diesem Bereich relativ dünn, die darunterliegende Spongiosa (Substantia spongiosa) gering ausgeprägt.
- Periost: Das Knochenhautgewebe (Periosteum) bedeckt den Knochen direkt und ist reich an sensiblen Nervenfasern, die Druckreize registrieren.
- Schleimhaut und Gingiva: Die Mundschleimhaut (Tunica mucosa oris) liegt dem Knochen straff und ohne nennenswerte submuköse Fettpolsterung an. Diese fehlende Polsterung erklärt die hohe Druckempfindlichkeit der Stange.
Die sensible Innervation erfolgt über Äste des Nervus alveolaris inferior, einem Ast des Nervus mandibularis (dritter Ast des Nervus trigeminus, V3). Die Blutversorgung übernimmt vorrangig die Arteria alveolaris inferior mit ihren feinen Rami an der Schleimhautoberfläche.
Funktion
Die primäre biologische Funktion des Diastemas beim Pferd besteht in der funktionellen Trennung von Schneide- und Backenzahngebiss. Die Schneidezähne dienen dem Abrupfen von Gras, die Backenzähne dem Zermahlen der Nahrung. Das Diastema ermöglicht eine unabhängige Bewegungsführung beider Zahngruppen bei den komplexen Kaubewegungen des Herbivoren.
In der Nutzung durch den Menschen hat die Stange eine sekundäre, kulturhistorisch bedeutsame Funktion erhalten: Das Gebissstück des Zaumzeugs liegt exakt auf den Stangen auf. Durch die Dünnheit der Schleimhaut über dem Knochen werden feinste Drucksignale übertragen. Diese Signaltransduktion über Mechanorezeptoren und freie Nervenendigungen ermöglicht dem Pferd, auf minimale Zügeleinwirkungen zu reagieren. Die Kandare nutzt diesen Mechanismus durch Hebelwirkung in verstärktem Maße.
Unterschiede zwischen Tierarten
Ein Diastema findet sich bei zahlreichen Säugetierarten, unterscheidet sich jedoch erheblich in Ausprägung und Bedeutung:
- Pferd (Equus caballus): Das ausgeprägteste und funktionell bedeutsamste Diastema unter den domestizierten Tierarten. Die Stange im engeren Sinne als anatomischer Terminus ist dem Pferd vorbehalten.
- Wiederkäuer (Ruminantia): Bei Rind, Schaf und Ziege existiert ein Diastema im Oberkiefer, da hier die Schneidezähne fehlen und durch eine Dentalplatte (Pulvinus dentalis) ersetzt sind. Der Unterkiefer zeigt ebenfalls eine zahnlose Lücke zwischen Incisivi und Prämolaren.
- Kaninchen und Nagetiere (Lagomorpha, Rodentia): Ein prominentes Diastema trennt die wurzellosen Schneidezähne von den Backenzähnen. Canini fehlen bei diesen Arten vollständig.
- Schwein (Sus scrofa domesticus): Das Diastema ist deutlich kürzer als beim Pferd, da das Schweinegebiss als omnivores Gebiss weniger spezialisiert ist.
- Fleischfresser (Carnivora): Bei Hund und Katze fehlt ein echtes Diastema. Die Zahnreihen stehen nahezu lückenlos hintereinander.
Besonderheiten
Die Stange ist in der Pferdezahnheilkunde und in der Sattlerei von besonderer praktischer Relevanz. Die Passform des Gebisses muss individuell an die Breite und Form der Stangen angepasst werden. Ein zu schmales, zu breites oder falsch positioniertes Gebiss führt zu Druckschäden, Schmerzreaktionen und Verhaltensstörungen unter dem Reiter.
Bei der zahnärztlichen Untersuchung des Pferdes wird die Stange routinemäßig palpiert, um Unebenheiten, Knochenzubildungen oder sogenannte blinde Wolfszähne (Dentes premolares I) zu erkennen, die gelegentlich im kaudalen Bereich des Diastemas unter der Schleimhaut verborgen liegen und Gebissprobleme verursachen können.
Bei jungen Hengsten brechen die Canini im Alter von vier bis fünf Jahren im rostralen Bereich der Stange durch. Diese s