T Tierlexikon.net
← Lexikon

Tundra

T

Biologie & Ökologie > Lebensräume – Typen

Definition und Überblick

Die Tundra ist ein baumloser Lebensraum der hohen Breiten und Gebirgsregionen, der durch extrem niedrige Temperaturen, kurze Vegetationsperioden und dauerhaft gefrorene Böden – den sogenannten Permafrost – gekennzeichnet ist. Der Begriff stammt vom finnischen Wort „tunturi", das so viel wie „baumlose Hochfläche" bedeutet. Als eines der kältesten Biome der Erde erstreckt sich die Tundra über weite Teile der Nordhalbkugel: von den arktischen Küsten Kanadas und Alaskas über Grönland, Nordskandinavien und Sibirien bis zu den Inseln des Nordpolarmeers. Darüber hinaus existiert die sogenannte alpine Tundra oberhalb der Baumgrenze in Hochgebirgen weltweit.

Klimatische Bedingungen

Das Klima der Tundra gehört zu den unwirtlichsten auf dem Planeten. Die mittlere Jahrestemperatur liegt zwischen –6 °C und –12 °C, wobei die Wintertemperaturen auf –40 °C und darunter fallen können. Die Sommer sind kurz und kühl, mit Durchschnittstemperaturen selten über 10 °C. Der Niederschlag ist gering und beträgt meist nur 150 bis 300 Millimeter pro Jahr – damit ist die Tundra klimatisch gesehen eine Kältewüste. Dennoch wirkt die Landschaft im Sommer stellenweise feucht und sumpfig, da der Permafrost das Versickern von Schmelzwasser verhindert und sich zahlreiche flache Seen und Moore bilden.

Nördlich des Polarkreises herrscht im Winter monatelange Dunkelheit (Polarnacht), während im Sommer die Sonne wochenlang nicht untergeht (Mitternachtssonne). Diese extremen Lichtverhältnisse bestimmen die Aktivitätszyklen aller dort lebenden Organismen.

Boden und Permafrost

Das bestimmende geologische Merkmal der arktischen Tundra ist der Permafrostboden, der bis zu mehrere hundert Meter tief dauerhaft gefroren sein kann. Im Sommer taut lediglich die oberste Schicht auf – die sogenannte Auftauschicht oder „active layer" –, die je nach Region zwischen 25 und 100 Zentimeter dick ist. In dieser dünnen, saisonal aufgetauten Zone spielen sich sämtliche biologischen Prozesse ab: Pflanzenwurzeln wachsen hier, Bodentiere leben hier, und Nährstoffkreisläufe laufen hier ab.

Die Böden der Tundra sind nährstoffarm und sauer. Organisches Material wird aufgrund der niedrigen Temperaturen nur sehr langsam zersetzt. Dadurch akkumulieren sich über Jahrhunderte dicke Torfschichten, die enorme Mengen an Kohlenstoff speichern. Der Permafrost der arktischen Tundra enthält nach Schätzungen etwa doppelt so viel Kohlenstoff wie die gesamte Erdatmosphäre – ein Umstand, der im Kontext des Klimawandels und des fortschreitenden Permafrost-Auftauens von großer Bedeutung ist.

Vegetation

Bäume fehlen in der Tundra vollständig oder kommen nur als zwergwüchsige Kriechformen vor. Die Vegetation wird stattdessen geprägt von:

  • Moosen und Flechten – darunter Rentierflechten, die als Nahrungsgrundlage für Karibus und Rentiere dienen
  • Gräsern und Seggen – besonders in feuchten Senken und an Gewässerrändern
  • Zwergsträuchern – wie Zwergbirke, Polarweide und verschiedene Heidekrautgewächse
  • Polsterpflanzen – die durch ihre kompakte Wuchsform Wärme speichern und Wind trotzen

Die Pflanzen der Tundra haben vielfältige Anpassungen an die extremen Bedingungen entwickelt: flache, weit ausgebreitete Wurzelsysteme, kleine ledrige Blätter zur Reduzierung der Verdunstung und die Fähigkeit zur schnellen Blüte während der wenigen warmen Wochen. Viele Arten vermehren sich zusätzlich vegetativ, da die Bestäubung durch Insekten nicht immer verlässlich ist.

Tierwelt

Trotz der extremen Bedingungen beherbergt die Tundra eine artenreiche, wenn auch zahlenmäßig von wenigen Schlüsselarten dominierte Fauna. Die Tiergemeinschaften zeigen ausgeprägte Anpassungen an Kälte, Nahrungsknappheit und die starke Saisonalität des Lebensraums.

Zu den bekanntesten Säugetieren gehören Karibu (bzw. Ren), Moschusochse, Polarfuchs, Schneehase, Lemming und Eisbär. Der Lemming nimmt als Pflanzenfresser eine zentrale Stellung im Nahrungsnetz ein: Seine stark schwankenden Populationszyklen beeinflussen unmittelbar die Bestände von Raubvögeln wie der Schnee-Eule und dem Raufußbussard sowie von Säugetierprädatoren wie dem Polarfuchs und dem Hermelin.

Viele Tundratiere verfügen über ein dichtes, isolierendes Fell oder Gefieder, oft mit saisonalem Farbwechsel von sommerlichem Braun zu winterlichem Weiß (Tarnung). Der Moschusochse besitzt ein extrem langes, dichtes Unterfell namens Qiviut, das zu den wärmsten Naturfasern der Welt zählt. Kompakte Körperformen mit kurzen Extremitäten, kleinen Ohren und gedrungenen Schnauzen folgen der Allen'schen Regel und reduzieren den Wärmeverlust.

Die Tundra ist zudem ein bedeutendes Brutgebiet für Zugvögel. Im arktischen Sommer nutzen Millionen von Gänsen, Enten, Watvögeln und Seeschwalben das explosive Nahrungsangebot aus Insekten und Pflanzen. Die Küstenseeschwalbe legt dabei die längste bekannte Zugstrecke aller Vögel zurück – vom arktischen Brutgebiet bis in die Antarktis und zurück.

An Wirbellosen dominieren Stechmücken, Kriebelmücken und andere Zweiflügler, die im kurzen Sommer in r