Weichtiere
WBiologie & Ökologie > Systematik & Taxonomie
Definition und Überblick
Weichtiere, wissenschaftlich als Mollusca bezeichnet, bilden einen der artenreichsten Tierstämme im gesamten Tierreich. Mit über 100.000 rezenten Arten und schätzungsweise 60.000 bis 80.000 fossilen Arten stellen sie nach den Gliederfüßern (Arthropoda) die zweitgrößte Gruppe im Tierreich dar. Der Name leitet sich vom lateinischen Wort molluscus ab, was „weich" bedeutet, und verweist auf den ungepanzerten, weichen Körper vieler Vertreter. Zu den Weichtieren gehören so unterschiedliche Organismen wie Schnecken, Muscheln, Tintenfische, Käferschnecken und Kahnfüßer. Sie besiedeln nahezu alle Lebensräume der Erde – von der Tiefsee über Korallenriffe und Süßgewässer bis hin zu tropischen Regenwäldern und arktischen Küsten.
Körperbau und Grundbauplan
Trotz ihrer enormen Formenvielfalt teilen alle Mollusken einen gemeinsamen Grundbauplan, der sich in vier Hauptmerkmale gliedern lässt:
- Fuß (Pes): Eine muskulöse Kriechsohle, die der Fortbewegung dient. Bei Kopffüßern ist der Fuß zu Fangarmen (Tentakeln) und einem Trichter umgebildet, bei Muscheln zu einem Grabfuß.
- Eingeweidesack (Visceralmasse): Er enthält die inneren Organe wie Verdauungsdrüsen, Herz, Nieren und Gonaden.
- Mantel (Pallium): Eine Hautfalte, die den Eingeweidesack umhüllt und bei vielen Arten eine Schale aus Calciumcarbonat absondert. Der Raum zwischen Mantel und Körper wird als Mantelhöhle bezeichnet und beherbergt die Kiemen (Ctenidien).
- Radula (Raspelzunge): Ein für die meisten Weichtiere charakteristisches Mundwerkzeug mit Zahnreihen aus Chitin, das zur Nahrungsaufnahme eingesetzt wird. Muscheln haben als filtrierende Organismen keine Radula.
Das Nervensystem der Mollusken reicht von einfachen Strickleitersystemen bei ursprünglichen Formen bis hin zu hochentwickelten Gehirnen bei Kopffüßern. Das Blutgefäßsystem ist bei den meisten Gruppen offen, wobei das Blut – als Hämolymphe bezeichnet – frei durch Körperhohlräume (Lakunen) fließt. Kopffüßer besitzen dagegen ein weitgehend geschlossenes Kreislaufsystem.
Systematik und wichtige Klassen
Die Systematik der Weichtiere wird fortlaufend diskutiert und durch molekularbiologische Analysen ergänzt. Traditionell unterscheidet man acht rezente Klassen:
- Schnecken (Gastropoda): Mit rund 80.000 Arten die größte Klasse. Sie umfasst Meeresschnecken, Süßwasserschnecken und Landschnecken, darunter auch schalenlose Nacktschnecken. Viele Landschnecken atmen über eine zur Lunge umgebildete Mantelhöhle.
- Muscheln (Bivalvia): Etwa 10.000 Arten mit einer zweigeteilten Kalkschale. Muscheln sind überwiegend Filtrierer und leben sessil oder grabend im Sediment. Zu ihnen zählen Miesmuscheln, Austern und Riesenmuscheln.
- Kopffüßer (Cephalopoda): Rund 800 rezente Arten, darunter Kraken, Kalmare, Sepien und der Nautilus. Sie gelten als die intelligentesten Wirbellosen und verfügen über leistungsfähige Augen, schnelle Farbwechsel und komplexes Lernverhalten.
- Käferschnecken (Polyplacophora): Etwa 900 Arten mit einer aus acht Kalkplatten bestehenden Schale. Sie leben auf felsigen Meeresböden und weiden Algen ab.
- Kahnfüßer (Scaphopoda): Rund 500 Arten mit einer röhrenförmigen, leicht gebogenen Schale. Sie graben sich in sandige Meeresböden ein.
- Einschaler (Monoplacophora): Eine kleine, ursprüngliche Gruppe mit napfförmiger Schale, die erst 1952 als lebend entdeckt wurde (Gattung Neopilina).
- Furchenfüßer (Solenogastres): Wurmförmige, schalenlose Tiere der Tiefsee.
- Schildfüßer (Caudofoveata): Ebenfalls wurmförmig und schalenlos, grabend in Meeressedimenten lebend.
Lebensweise und Ernährung
Die ökologischen Strategien der Weichtiere sind außerordentlich vielfältig. Schnecken treten als Pflanzenfresser (Herbivore), Aasfresser, Räuber und sogar als Parasiten auf. Kegelschnecken der Gattung Conus erlegen ihre Beute mit giftigen Harpunen, die aus modifizierten Radulazähnen bestehen. Muscheln filtrieren Plankton und organische Partikel aus dem Wasser und spielen dadurch eine zentrale Rolle bei der Wasserreinigung in Gewässerökosystemen. Kopffüßer sind aktive Jäger, die Fische, Krebstiere und andere Mollusken erbeuten.
Die Fortpflanzung der Weichtiere variiert stark. Viele marine Arten geben Eier und Spermien ins freie Wasser ab (externe Befruchtung), woraus planktonische Larvenformen entstehen – typischerweise eine Trochophora- und anschließend eine Veliger-Larve. Landschnecken sind häufig Zwitter (Hermaphroditen) und tauschen bei der Paarung gegenseitig Spermatophoren aus.
Ökologische und wirtschaftliche Bedeutung
Weichtiere nehmen in nahezu allen Ökosystemen Schlüsselpositionen ein. Sie dienen als Nahrungsgrundlage für Fische, Vögel, Säugetiere und zahlreiche weitere Tiergruppen. Muschelbänke stabilisieren Küstenhabitate und schaffen Lebensräume für andere Organismen. In Süßgewässern fungieren Schnecken und Muscheln als Bioindikatoren für die Wasserqualität.