T Tierlexikon.net
← Lexikon

Wirbellose

W

Biologie & Ökologie > Systematik & Taxonomie

Definition und Überblick

Als Wirbellose (Invertebrata) werden sämtliche Tiere bezeichnet, die keine Wirbelsäule besitzen. Dieser Begriff ist keine systematische Einheit im strengen Sinn, sondern eine informelle Sammelbezeichnung für eine enorm heterogene Gruppe von Organismen. Rund 95 bis 97 Prozent aller bekannten Tierarten gehören zu den Wirbellosen – sie bilden damit die überwältigende Mehrheit im Tierreich. Die Abgrenzung erfolgt negativ gegenüber den Wirbeltieren (Vertebrata), die mit Fischen, Amphibien, Reptilien, Vögeln und Säugetieren lediglich einen kleinen Bruchteil der tierischen Artenvielfalt ausmachen.

Der französische Naturforscher Jean-Baptiste de Lamarck prägte den Begriff „Animaux sans vertèbres" Anfang des 19. Jahrhunderts. Obwohl die Bezeichnung in der modernen Taxonomie als paraphyletische Gruppierung gilt – sie umfasst also keinen gemeinsamen Vorfahren mit all seinen Nachkommen –, hat sie sich im allgemeinen Sprachgebrauch und in der Ökologie als praktischer Sammelbegriff fest etabliert.

Systematische Einordnung und wichtige Tierstämme

Die Wirbellosen umfassen zahlreiche Tierstämme mit grundlegend unterschiedlichen Bauplänen. Zu den artenreichsten und ökologisch bedeutsamsten Gruppen zählen:

  • Gliederfüßer (Arthropoda): Mit über einer Million beschriebener Arten der bei weitem größte Tierstamm. Dazu gehören Insekten, Spinnentiere, Krebstiere und Tausendfüßer. Kennzeichnend sind ein Außenskelett aus Chitin, gegliederte Extremitäten und ein segmentierter Körper.
  • Weichtiere (Mollusca): Etwa 100.000 bis 200.000 Arten, darunter Schnecken, Muscheln und Kopffüßer wie Tintenfische und Kraken. Viele besitzen eine kalkhaltige Schale und einen muskulösen Fuß.
  • Ringelwürmer (Annelida): Segmentierte Würmer, zu denen der Regenwurm, Blutegel und marine Polychaeten gehören.
  • Nesseltiere (Cnidaria): Quallen, Korallen, Seeanemonen und Hydrozoen. Sie besitzen spezialisierte Nesselzellen (Cnidocyten) zum Beutefang und zur Verteidigung.
  • Stachelhäuter (Echinodermata): Seesterne, Seeigel, Seegurken und Schlangensterne, ausschließlich marin lebend und mit einer fünfstrahligen Symmetrie im Adultstadium.
  • Fadenwürmer (Nematoda): Eine extrem artenreiche Gruppe mit Schätzungen von bis zu einer Million Arten, die nahezu jeden Lebensraum besiedeln.
  • Schwämme (Porifera): Als eine der ursprünglichsten Tiergruppen besitzen sie kein echtes Gewebe und keine Organe. Sie filtrieren Nahrungspartikel aus dem Wasser.
  • Plattwürmer (Plathelminthes): Freilebende Formen wie Strudelwürmer sowie parasitische Vertreter wie Bandwürmer und Saugwürmer.

Daneben existieren zahlreiche weniger bekannte Stämme wie Bärtierchen (Tardigrada), Moostierchen (Bryozoa), Pfeilwürmer (Chaetognatha) und Armfüßer (Brachiopoda).

Körperbau und Anpassungen

Da die Wirbellosen keine einheitliche Verwandtschaftsgruppe darstellen, variiert ihr Körperbau erheblich. Gemeinsam ist ihnen lediglich das Fehlen einer aus Wirbeln aufgebauten Wirbelsäule und eines knöchernen Innenskeletts. Stattdessen haben verschiedene Linien ganz unterschiedliche Stützstrukturen entwickelt:

Viele Arthropoden tragen ein Exoskelett, das Schutz bietet und als Ansatzpunkt für die Muskulatur dient, jedoch regelmäßige Häutungen erfordert. Weichtiere nutzen häufig kalkige Schalen oder – wie bei Kopffüßern – interne Stützstrukturen. Stachelhäuter besitzen ein Skelett aus Kalkplatten, das unter der Haut liegt. Würmer und Quallen setzen auf ein Hydroskelett, bei dem mit Flüssigkeit gefüllte Körperhöhlen als Widerlager für die Muskulatur fungieren.

Das Nervensystem reicht von einfachen Nervennetzen bei Nesseltieren bis hin zu hochkomplexen Gehirnen bei Kopffüßern, deren kognitive Fähigkeiten – einschließlich Werkzeuggebrauch und Problemlösung – unter den Wirbellosen einzigartig sind. Die Atmung erfolgt je nach Lebensraum und Körpergröße über Kiemen, Tracheen, Buchlungen oder einfache Hautatmung.

Lebensräume und Verbreitung

Wirbellose besiedeln praktisch jeden Lebensraum der Erde. Sie kommen in der Tiefsee ebenso vor wie in Wüsten, in tropischen Regenwäldern, im Süßwasser, im Boden und in Polarregionen. Bärtierchen überleben extreme Bedingungen wie Vakuum, Strahlung und Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt. Röhrenwürmer (Vestimentifera) siedeln an hydrothermalen Tiefseequellen bei Temperaturen über 60 °C. Zahlreiche Arten leben als Endoparasiten im Inneren anderer Organismen.

Die Besiedelung des Landes gelang unter den Wirbellosen vor allem den Insekten und Spinnentieren, die mit Tracheen, wasserundurchlässigen Kutikula und spezialisierten Fortpflanzungsstrategien optimal an terrestrische Bedingungen angepasst sind.

Ökologische Bedeutung

Die ökologische Rolle der Wirbellosen kann kaum überschätzt werden. Sie stehen im Zentrum nahezu aller Nahrungsnetze – als Primärkonsumenten, Räuber, Zersetzer und Nahrungsgrundlage für Wirbeltiere. Bestäubende Insekten wie Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und Schwebfliegen sichern die Reproduktion eines Großteils der Blütenpflanzen, darunter viele Nutzpflanzen. Regenwürmer und Bodenfauna zersetzen organisches Material, fördern die Humus