Blattschneiderameise
BTierart – Insekten > Hautflügler
Steckbrief
- Wissenschaftlicher Name: Atta und Acromyrmex (zwei Gattungen)
- Ordnung: Hautflügler (Hymenoptera)
- Familie: Ameisen (Formicidae)
- Unterfamilie: Knotenameisen (Myrmicinae)
- Tribus: Attini
- Lebensraum: Tropische und subtropische Regenwälder, Savannen, landwirtschaftliche Flächen in der Neotropis
- Größe: 1–15 mm je nach Kaste (Arbeiterinnen), Königinnen bis 25 mm
- Gewicht einer Kolonie: Bis zu mehrere Kilogramm Biomasse
- Lebenserwartung: Arbeiterinnen wenige Monate bis 2 Jahre; Königinnen bis zu 20 Jahre
Aussehen & Merkmale
Blattschneiderameisen zeigen einen ausgeprägten Kastenpolymorphismus – die verschiedenen Kasten innerhalb einer Kolonie unterscheiden sich erheblich in Körpergröße und Körperbau. Der Körper gliedert sich wie bei allen Ameisen in Kopf (Caput), Thorax (Mesosoma) und Hinterleib (Gaster), verbunden durch eine schmale, zweiknotige Petiolus-Struktur, die für die Unterfamilie Myrmicinae typisch ist.
Die kleinsten Arbeiterinnen, sogenannte Minima-Arbeiterinnen, messen nur etwa 1–2 mm und übernehmen Aufgaben im Pilzgarten. Media-Arbeiterinnen erreichen 5–10 mm und sind die eigentlichen Blattschneiderinnen. Sie besitzen kräftige, gezähnte Mandibeln, mit denen sie halbkreisförmige Stücke aus Blättern heraussägen. Majore, auch Soldatinnen genannt, werden bis zu 15 mm lang und verfügen über einen besonders breiten Kopf mit massiver Muskulatur zur Verteidigung des Nestes. Die Körperfarbe variiert zwischen rotbraun, dunkelbraun und schwarz. Arten der Gattung Atta tragen auf dem Thorax mehrere Paar Dornen, während Acromyrmex-Arten eine rauere, mit Tuberkeln besetzte Oberfläche aufweisen.
Geflügelte Geschlechtstiere – Männchen und junge Königinnen – sind deutlich größer als die Arbeiterinnen und besitzen zwei Paar transparente Flügel, die nach dem Hochzeitsflug abgeworfen werden.
Lebensraum & Verbreitung
Das Verbreitungsgebiet der Blattschneiderameisen erstreckt sich vom Süden der USA (Texas, Louisiana) über Mittelamerika und die Karibik bis nach Argentinien. Ihr Habitat umfasst tropische Tieflandregenwälder, montane Nebelwälder, Cerrado-Savannen, Trockenbusch und zunehmend auch landwirtschaftlich genutzte Flächen. Die Gattung Atta bevorzugt tendenziell offenere Biotope und tiefere Böden, in denen sie ausgedehnte unterirdische Nester anlegen kann. Acromyrmex-Arten besiedeln auch kühlere Regionen und kommen in höheren Lagen vor. Die Nester können Tiefen von über sechs Metern erreichen und Tausende miteinander verbundene Kammern umfassen. Ein einzelnes Atta-Nest kann ein Erdvolumen von bis zu 40 Kubikmetern durchziehen.
Ernährung
Trotz ihres Namens ernähren sich Blattschneiderameisen nicht direkt von Blättern. Sie betreiben stattdessen eine hochspezialisierte Form der Pilzzucht (Fungikultur). Die geschnittenen Blattstücke dienen als Substrat für einen symbiotischen Pilz der Gattung Leucoagaricus gongylophorus, der in unterirdischen Pilzgärten kultiviert wird. Die Ameisen zerkauen das Pflanzenmaterial zu einem feinen Brei, reichern ihn mit Speichel und Fäkalflüssigkeit an und setzen ihn in den Kammern ab. Auf diesem Substrat wächst der Pilz und bildet nährstoffreiche Hyphenknöllchen, sogenannte Gongylidien, die als Hauptnahrungsquelle dienen.
Die Ameisen pflegen den Pilzgarten aktiv: Sie entfernen kontaminierte Bereiche, unterdrücken parasitische Schimmelpilze der Gattung Escovopsis mithilfe von Bakterien der Gattung Pseudonocardia, die auf ihrer Körperoberfläche leben und antimykotische Substanzen produzieren. Dieses Zusammenspiel aus Ameise, Kulturpilz, Parasit und Bakterium stellt eines der komplexesten mutualisierten Symbiose-Systeme im Tierreich dar.
Verhalten & Lebensweise
Blattschneiderameisen leben in superorganismenartigen Kolonien mit strikter Arbeitsteilung. Eine Kolonie kann bei Atta-Arten mehrere Millionen Individuen umfassen. Die Aktivitätszeiten variieren je nach Art und Region: Viele Atta-Arten sind überwiegend nachtaktiv, während Acromyrmex-Arten häufig auch tagsüber sammeln.
Die Futtersuche folgt einem ausgeklügelten System. Kundschafterinnen markieren ergiebige Pflanzen mit Pheromonen und legen Duftstraßen an, denen die Sammlerinnen folgen. Diese Straßen können sich über 100 Meter vom Nest entfernen und werden von den Ameisen aktiv freigeräumt. Auf dem Rückweg tragen die Arbeiterinnen die Blattstücke über dem Kopf – ein Bild, das ihnen im Englischen den Namen „parasol ants" eingebracht hat. Auf den transportierten Blattstücken sitzen häufig Minima-Arbeiterinnen, die parasitische Fliegen der Familie Phoridae abwehren.
Das Revier einer Kolonie wird gegenüber benachbarten Kolonien verteidigt. Zwischen konkurrierenden Nestern kommt es regelmäßig zu territorialen Auseinandersetzungen.
Fortpflanzung & Aufzucht
Einmal jährlich, meist zu Beginn der Regenzeit, findet der Hochzeitsflug statt. Tausende geflügelte Jungköniginnen und Männchen schwärmen gleichzeitig aus verschiedenen Kolonien aus. Die Paarung erfolgt im Flug, wobei eine Königin sich mit mehreren Männchen paart und deren Sperma in einer Spermathek speichert – ein Vorrat, der für die gesamte Lebensdauer von bis zu 20 Jahren ausreichen muss.