Nacktmull
NTierart – Säugetiere > Nagetiere
Steckbrief
- Wissenschaftlicher Name: Heterocephalus glaber
- Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
- Familie: Sandgräber (Bathyergidae)
- Gattung: Heterocephalus (monotypisch)
- Lebensraum: Trockene Savannen und Halbwüsten Ostafrikas
- Größe: 8–10 cm Körperlänge (Königin bis 15 cm)
- Gewicht: 30–35 g (Arbeiter), bis 80 g (Königin)
- Lebenserwartung: Bis über 30 Jahre in Gefangenschaft; Arbeiter bis zu 20 Jahre
Aussehen & Merkmale
Der Nacktmull gehört zu den ungewöhnlichsten Säugetieren überhaupt. Sein Körper ist nahezu haarlos – lediglich feine Tasthaare (Vibrissen) am Kopf und vereinzelte sensorische Härchen an Körper und Schwanz sind vorhanden. Ein echtes Fell fehlt vollständig, was im gesamten Tierreich unter Säugern eine extreme Seltenheit darstellt. Die rosig-gelbliche bis gräuliche Haut ist stark gefaltet und wirkt transparent, sodass darunter liegende Blutgefäße teilweise sichtbar sind.
Der Kopf ist verhältnismäßig groß, die Augen dagegen winzig und funktional stark eingeschränkt. Auffälligstes Merkmal sind die beiden großen, vorstehenden Schneidezähne (Incisivi), die vor den Lippen liegen. Diese Anordnung verhindert, dass beim Graben Erde in die Mundhöhle gelangt. Die Schneidezähne wachsen zeitlebens nach und dienen als primäres Grabwerkzeug. Die kurzen, kräftigen Beine enden in fünf Zehen mit ausgeprägten Krallen, die ebenfalls für die unterirdische Lebensweise adaptiert sind.
Lebensraum & Verbreitung
Das Verbreitungsgebiet des Nacktmulls beschränkt sich auf das östliche Afrika. Die Art kommt in Äthiopien, Somalia, Kenia und Dschibuti vor. Dort besiedelt sie trockene, harte Böden in Savannen, Grasländern und Halbwüsten auf Höhen zwischen Meeresspiegel und etwa 1.500 Metern. Das bevorzugte Habitat zeichnet sich durch geringe Niederschläge und verdichtete, lehmige oder sandige Böden aus.
Nacktmulle leben ausschließlich unterirdisch in selbstgegrabenen Tunnelsystemen, die eine Gesamtlänge von mehreren Kilometern erreichen können. Die Temperatur in diesen Bauten bleibt relativ konstant bei 28–32 °C, was für die Tiere von existenzieller Bedeutung ist, da sie als einzige bekannten poikilothermen (wechselwarmen) Säugetiere ihre Körpertemperatur nicht eigenständig regulieren können. Stattdessen passen sie ihre Temperatur der Umgebung an – ein Merkmal, das sonst nur bei Reptilien und Amphibien vorkommt.
Ernährung
Die Nahrung des Nacktmulls besteht hauptsächlich aus unterirdischen Pflanzenteilen. Knollen, Wurzeln und Zwiebeln bilden die Grundlage der Ernährung. Besonders die großen Knollen bestimmter Sukkulenten können eine ganze Kolonie über Monate ernähren. Die Tiere fressen die Knollen dabei nicht vollständig auf, sondern nagen sie so an, dass die Pflanze weiterwachsen und sich regenerieren kann – eine Form der nachhaltigen Nahrungsnutzung.
Ergänzt wird der Speiseplan durch Koprophagie: Die Tiere nehmen regelmäßig ihren eigenen Kot auf, um Nährstoffe, die beim ersten Verdauungsdurchgang nicht vollständig aufgeschlossen wurden, besser zu verwerten. Dieses Verhalten ist bei vielen Nagetieren und Hasenartigen verbreitet und dient der optimalen Nährstoffausbeute bei pflanzlicher Kost.
Verhalten & Lebensweise
Der Nacktmull ist unter Säugetieren einzigartig, weil er – neben dem Damaraland-Graumull (Fukomys damarensis) – eusozial lebt. Diese Sozialstruktur war bis zur Erforschung der Nacktmulle nur von staatenbildenden Insekten wie Bienen, Ameisen und Termiten bekannt. Eine Kolonie umfasst typischerweise 70 bis 80 Individuen, kann aber bis zu 300 Tiere zählen.
An der Spitze der Hierarchie steht eine einzige fortpflanzungsfähige Königin, die mit ein bis drei Männchen den gesamten Nachwuchs der Kolonie produziert. Alle übrigen Tiere sind Arbeiter oder Soldaten. Arbeiter übernehmen das Graben neuer Tunnel, die Nahrungssuche und die Brutpflege. Soldaten sind größer und verteidigen die Kolonie gegen Fressfeinde – vor allem gegen die ostafrikanische Nachtotter (Atractaspis) und andere Schlangen, die in die Tunnelsysteme eindringen.
Die Tiere sind nicht streng nachtaktiv oder tagaktiv, sondern zeigen einen polyphasischen Aktivitätsrhythmus: Sie wechseln über den gesamten Tag und die Nacht hinweg zwischen Aktivitäts- und Ruhephasen. Da ihr gesamtes Leben unterirdisch stattfindet, spielt der Tag-Nacht-Rhythmus kaum eine Rolle. Zur Thermoregulation kuscheln sich die Tiere in Schlafkammern dicht aneinander.
Fortpflanzung & Aufzucht
Die Königin unterdrückt die Fortpflanzungsfähigkeit der anderen Weibchen durch aggressives Verhalten und vermutlich auch über hormonelle Signalstoffe (Pheromone). Stirbt eine Königin, kämpfen mehrere Weibchen – oft bis zum Tod – um die Nachfolge. Das siegreiche Weibchen durchläuft eine körperliche Veränderung: Die Wirbelsäule verlängert sich, und das Tier wächst deutlich, um Platz für größere Würfe zu schaffen.
Nach einer Tragzeit von etwa 70 Tagen bringt die Königin durchschnittlich 12 bis 28 Jungtiere zur Welt, in Ausnahmefällen bis zu 27. Nacktmulle haben damit die größten Würfe aller Säugetiere. Die Jungtiere sind bei der Geburt blind und wiegen nur etwa 2 Gramm. Sie werden von der Königin gesäugt, während andere Koloniearbeiter bei der Pflege und Fütterung mit vorverdautem Pflanzenmaterial helfen. Nach etwa vier