Rabengeier
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Steckbrief
- Wissenschaftlicher Name: Coragyps atratus
- Ordnung: Accipitriformes (Greifvögel)
- Familie: Cathartidae (Neuweltgeier)
- Gattung: Coragyps
- Lebensraum: Offenland, Agrarflächen, Siedlungsränder, tropische und subtropische Wälder
- Größe: 56–74 cm Körperlänge; Flügelspannweite 133–167 cm
- Gewicht: 1,2–2,3 kg
- Lebenserwartung: Bis zu 25 Jahre in freier Wildbahn; in Gefangenschaft über 30 Jahre
Aussehen & Merkmale
Der Rabengeier ist ein mittelgroßer Neuweltgeier mit überwiegend schwarzem Gefieder. Kopf und oberer Halsbereich sind unbefiedert und zeigen eine dunkelgraue bis schwarze, runzlige Haut. Dieses Merkmal teilt er mit vielen anderen Geierarten und dient der Hygiene bei der Nahrungsaufnahme an Kadavern. Der kräftige Schnabel ist an der Basis dunkel und geht zur Spitze hin in ein helles Hornweiß über. Er ist im Vergleich zum nahe verwandten Truthahngeier (Cathartes aura) kürzer und breiter.
Im Flug lässt sich der Rabengeier gut an seinen relativ kurzen, breiten Flügeln und dem kurzen, quadratisch wirkenden Schwanz erkennen. Die Handschwingenfelder erscheinen von unten silbrig-weiß und bilden einen deutlichen Kontrast zum ansonsten dunklen Gefieder. Die Beine sind grau und vergleichsweise lang; die Füße sind eher schwach ausgebildet und nicht zum Greifen von Beute geeignet – ein typisches Merkmal aasfressender Vögel. Männchen und Weibchen unterscheiden sich äußerlich kaum, es liegt kein ausgeprägter Geschlechtsdimorphismus vor.
Lebensraum & Verbreitung
Das Verbreitungsgebiet des Rabengeieres erstreckt sich vom Südosten der USA über Mittelamerika bis nach Südamerika, einschließlich Argentiniens und Chiles. Damit zählt er zu den häufigsten und am weitesten verbreiteten Greifvögeln der Neuen Welt. Sein Habitat ist ausgesprochen vielfältig: Er besiedelt offenes und halboffenes Gelände, Savannen, Viehweiden, lichte Wälder sowie Küstenregionen. Dichte geschlossene Regenwälder meidet er in der Regel.
Eine Besonderheit ist seine ausgeprägte Anpassungsfähigkeit an vom Menschen veränderte Landschaften. Der Rabengeier ist ein häufiger Kulturfolger und kommt regelmäßig in der Nähe menschlicher Siedlungen, auf Mülldeponien und an Schlachthöfen vor. In Städten Mittel- und Südamerikas gehört er zum alltäglichen Straßenbild. Höhenlagen bis etwa 2.800 Meter werden besiedelt; vereinzelt wurde die Art auch in größeren Höhen nachgewiesen.
Ernährung
Der Rabengeier ist ein obligater Aasfresser (Nekrophage). Seine Hauptnahrung besteht aus Kadavern von Säugetieren, Vögeln und Reptilien unterschiedlicher Größe. Im Gegensatz zum Truthahngeier verfügt der Rabengeier über einen nur schwach ausgeprägten Geruchssinn und lokalisiert seine Nahrung vorwiegend visuell. Dabei beobachtet er häufig andere Geierarten – insbesondere Truthahngeier – und folgt diesen zu Nahrungsquellen. Am Kadaver ist er trotz seiner geringeren Körpergröße oft dominant gegenüber dem Truthahngeier, da er in größeren Gruppen auftritt und sich durch aggressives Verhalten Zugang zur Nahrung verschafft.
Neben Aas frisst der Rabengeier gelegentlich auch Eier, neugeborene oder geschwächte Tiere, überreifes Obst und organischen Abfall. In Regionen mit intensiver Viehhaltung werden ihm vereinzelt Übergriffe auf neugeborene Kälber und Lämmer zugeschrieben, was lokal zu Konflikten mit Landwirten führt.
Verhalten & Lebensweise
Rabengeier sind tagaktive Vögel, die sich meist in Gruppen aufhalten. Nachts und in den frühen Morgenstunden versammeln sie sich an gemeinschaftlichen Schlafplätzen, sogenannten Kommunalschlafplätzen, die oft in hohen Bäumen, auf Felsklippen oder an Gebäudestrukturen liegen. Diese Schlafgemeinschaften können mehrere Hundert Individuen umfassen und werden über Jahre hinweg beibehalten.
Zur Thermoregulation breiten Rabengeier morgens häufig ihre Flügel in der Sonne aus – ein Verhalten, das auch bei anderen Neuweltgeiern und bei Kormoranen beobachtet wird. Beim Flug nutzen sie vorwiegend Thermik und gleiten mit ausgebreiteten Schwingen energiesparend über weite Strecken. Aktiver Ruderflug kommt seltener vor und wird durch die relativ kurzen Flügel erschwert.
Innerhalb der Gruppe besteht eine soziale Hierarchie, die sich vor allem an Futterstellen zeigt. Die Kommunikation erfolgt überwiegend über Körperhaltungen und leise, zischende oder grunzende Laute, da der Rabengeier – wie alle Neuweltgeier – keinen Syrinx (Stimmkopf) im eigentlichen Sinne besitzt.
Fortpflanzung & Aufzucht
Rabengeier bilden monogame Paare, die über mehrere Brutsaisons hinweg zusammenbleiben. Die Balz umfasst gemeinsame Flugmanöver sowie ritualisiertes Kopfnicken und Umschreiten des Partners am Boden. Ein eigentliches Nest wird nicht gebaut. Die Eier – in der Regel zwei, selten eins oder drei – werden direkt auf den Boden in geschützte Nischen gelegt: Felsspalten, hohle Baumstümpfe, verlassene Gebäude oder dichtes Unterholz dienen als Brutplatz.
Beide Elternteile bebrüten die blassgrünen, dunkel gefleckten Eier über einen Zeitraum von 38 bis 45 Tagen. Die Küken schlüpfen mit einem gelblich-weißen Daunenkleid und werden von beiden Altvögeln durch Hervorwürgen vorverdauter Nahrung gefüttert. Nach etwa 75 bis 80 Tagen sind die Jungvögel