Schlammpeitzger
STierart – Fische > Süßwasserfische – heimisch
Steckbrief
- Wissenschaftlicher Name: Misgurnus fossilis
- Ordnung: Karpfenartige (Cypriniformes)
- Familie: Schmerlen (Cobitidae)
- Gattung: Misgurnus
- Lebensraum: Stehende und langsam fließende Gewässer mit weichem, schlammigem Grund
- Größe: 15–30 cm, maximal bis 35 cm
- Gewicht: bis ca. 150 g
- Lebenserwartung: 10–15 Jahre, in Ausnahmefällen bis 20 Jahre
Aussehen & Merkmale
Der Schlammpeitzger besitzt einen langgestreckten, fast zylindrischen Körper, der im hinteren Abschnitt seitlich leicht abgeflacht ist. Die Haut ist mit sehr kleinen, in die Oberhaut eingebetteten Rundschuppen bedeckt und von einer dicken Schleimschicht überzogen. Die Grundfärbung variiert zwischen gelbbraun und olivbraun; an den Flanken verlaufen mehrere dunkle Längsbänder, von denen das mittlere in der Regel am breitesten und dunkelsten ausgeprägt ist. Die Bauchseite ist heller, oft gelblich bis orange getönt.
Ein auffälliges Merkmal sind die zehn Barteln am Oberkiefer: vier kürzere an der Oberlippe und sechs längere am Unterkiefer. Diese Barteln dienen als Tastorgane und spielen bei der Nahrungssuche im trüben Wasser und im Substrat eine zentrale Rolle. Die Augen sind vergleichsweise klein. Die Rückenflosse sitzt etwa in der Körpermitte, die Schwanzflosse ist abgerundet. Alle Flossen sind relativ kurz und weisen keine Hartstrahlen auf.
Lebensraum & Verbreitung
Das Verbreitungsgebiet des Schlammpeitzgers erstreckt sich über weite Teile Europas und reicht von Ostfrankreich über Mitteleuropa bis nach Westsibirien. In Deutschland kommt die Art vor allem in den Tieflandregionen vor, etwa in der Norddeutschen Tiefebene, im Oberrheingraben, in den Auen von Elbe, Oder und Donau sowie in Teilen Bayerns und Brandenburgs. In höheren Lagen fehlt die Art weitgehend.
Als Habitat bevorzugt der Schlammpeitzger flache, stehende oder sehr langsam fließende Gewässer mit weichem, schlammigem Bodengrund. Typische Biotope sind Altarme, Gräben, Überschwemmungstümpel, Moorgewässer, verlandende Teiche und sumpfige Wiesen. Entscheidend ist ein dichter Bewuchs mit Wasserpflanzen und eine ausreichend mächtige Schlammschicht, in die sich der Fisch eingraben kann. Gewässer mit hartem, steinigem Grund werden gemieden.
Durch die Trockenlegung von Feuchtgebieten, Flussbegradigungen und die Intensivierung der Landwirtschaft sind viele dieser Lebensräume in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen, was die Bestände erheblich dezimiert hat.
Ernährung
Der Schlammpeitzger ernährt sich als Bodenfisch vorwiegend von kleinen wirbellosen Tieren, die er im Schlamm und zwischen abgestorbenem Pflanzenmaterial aufspürt. Zu seinem Nahrungsspektrum gehören Zuckmückenlarven, Tubifex-Würmer, kleine Schnecken, Wasserasseln und andere Kleinkrebse. Daneben nimmt er auch pflanzliche Kost auf, darunter Algen, Detritus und zerfallende Pflanzenreste. Die Barteln ermöglichen es ihm, Beutetiere auch bei vollständiger Dunkelheit und in stark eingetrübtem Wasser zu orten.
Verhalten & Lebensweise
Der Schlammpeitzger ist überwiegend nachtaktiv. Tagsüber verbirgt er sich eingegraben im Schlamm oder zwischen dichter Unterwasservegetation. Erst in der Dämmerung und bei Nacht wird er aktiv und durchsucht den Gewässergrund nach Nahrung. Gegenüber Artgenossen zeigt er kein ausgeprägtes Territorialverhalten; die Tiere leben eher einzelgängerisch, können aber in geeigneten Habitaten in höherer Dichte nebeneinander vorkommen.
Eine physiologische Besonderheit ist die Fähigkeit zur Darmatmung. Der Schlammpeitzger kann an der Wasseroberfläche Luft schlucken und den Sauerstoff über die stark durchblutete Darmschleimhaut aufnehmen. Diese Anpassung erlaubt es ihm, in extrem sauerstoffarmen Gewässern zu überleben, in denen die meisten anderen Fischarten zugrunde gehen würden. Bei Austrocknung seines Gewässers gräbt sich der Schlammpeitzger tief in den feuchten Schlamm ein und kann dort über Wochen in einer Art Ruhezustand überdauern.
Seinen volkstümlichen Beinamen „Wetterfisch" verdankt er einem auffälligen Verhalten bei Wetterumschwüngen: Bei fallendem Luftdruck – etwa vor einem Gewitter – wird der Schlammpeitzger unruhig, schwimmt hektisch umher und schluckt vermehrt Luft an der Oberfläche. Dieses Verhalten wurde früher in ländlichen Gegenden tatsächlich als Wetterindikator genutzt.
Fortpflanzung & Aufzucht
Die Laichzeit erstreckt sich von April bis Juni, wenn die Wassertemperaturen etwa 16 bis 18 °C erreichen. Der Schlammpeitzger zeigt kein aufwendiges Balzverhalten. Die Weibchen heften die klebrigen, etwa 1,5 mm großen Eier an Wasserpflanzen, Wurzeln oder andere Substrate in Ufernähe. Ein einzelnes Weibchen kann pro Saison zwischen 10.000 und 170.000 Eier absetzen, wobei die Zahl stark von der Körpergröße abhängt.
Die Larven schlüpfen nach etwa acht bis zehn Tagen. Sie tragen büschelförmige äußere Kiemen, die in den ersten Lebenswochen die Atmung unterstützen und später zurückgebildet werden. Die Jungfische ernähren sich zunächst von Kleinstorganismen und wachsen im ersten Jahr auf etwa 5 bis 8 cm heran. Die Geschlechtsreife tritt im zweiten bis dritten Lebensjahr ein.
Eine Brutpflege findet nicht statt. Die hohe Eizahl kompensiert die erheblichen Verluste durch Fressfeinde und ungünstige Umweltbedingungen während der