T Tierlexikon.net
← Lexikon

Spießer

S

Jäger- & Weidmannssprache > Jäger- & Weidmannssprache

Definition und Überblick

Als Spießer bezeichnet der Jäger einen jungen männlichen Hirsch – in der Regel einen Rothirsch, Damhirsch oder Sikahirsch –, dessen Geweih im ersten oder zweiten Lebensjahr lediglich aus zwei unverzweigten, spießartigen Stangen besteht. Der Begriff gehört zum festen Wortschatz der Jäger- und Weidmannssprache und beschreibt damit eine bestimmte Altersstufe und Geweihentwicklung des männlichen Schalenwildes. Beim Rehwild wird der entsprechende Rehbock mit einfachen Stangen ebenfalls als Spießer oder Spießbock bezeichnet. Der Name leitet sich unmittelbar von der Form des Geweihs ab: Die beiden Stangen ragen wie Spieße gerade nach oben, ohne Sprossen oder Enden auszubilden.

Einordnung in die Geweihentwicklung

Das Geweih eines Hirsches durchläuft im Laufe seines Lebens mehrere Entwicklungsstufen. Im ersten Lebensjahr bildet der junge Hirschkalb-Bulle zunächst sogenannte Rosenstöcke aus – knöcherne Erhebungen auf dem Stirnbein, die als Basis für das spätere Geweih dienen. Aus diesen Rosenstöcken wächst dann erstmals ein Geweih, das bei jungen Hirschen häufig nur aus zwei einfachen, unverzweigten Stangen besteht. Dieses Erstlingsgeweih macht den Hirsch zum Spießer.

Mit zunehmendem Alter und bei guter körperlicher Konstitution bildet der Hirsch in den folgenden Jahren zunehmend komplexere Geweihe mit mehreren Sprossen und Enden aus. Die Bezeichnungen ändern sich entsprechend:

  • Spießer: Geweih mit zwei einfachen, unverzweigten Stangen (je ein Ende pro Stange)
  • Gabler: Geweih mit je zwei Enden pro Stange, also einer Gabelung
  • Sechser: Geweih mit insgesamt sechs Enden (je drei pro Stange)
  • Achter, Zehner, Zwölfender und so weiter: Geweihe mit steigender Endenzahl, bis hin zu kapitalen Hirschen mit 20 und mehr Enden

Die Geweihentwicklung hängt nicht allein vom Alter ab. Auch die genetische Veranlagung, die Ernährungslage, der allgemeine Gesundheitszustand und die Lebensraumbedingungen spielen eine entscheidende Rolle. Ein Hirsch mit schlechter Nahrungsversorgung kann auch in fortgeschrittenem Alter ein vergleichsweise schwaches Geweih tragen.

Der Spießer beim Rehwild

Beim Rehbock hat der Begriff Spießer eine besonders praxisrelevante Bedeutung. Ein junger Bock, der im zweiten Lebensjahr steht – also ein sogenannter Jährling –, trägt häufig ein Gehörn mit nur zwei unverzweigten Stangen. In der weidmännischen Ansprache wird das Geweih des Rehwildes als Gehörn bezeichnet, nicht als Geweih, obwohl es sich biologisch ebenfalls um eine Geweihbildung handelt, die jährlich abgeworfen und neu gebildet wird.

Ein Spießer beim Rehwild ist nicht zwangsläufig ein schlechter oder minderwertiger Bock. Manche Jährlinge tragen aufgrund ihres noch jungen Alters lediglich Spieße, entwickeln aber in den Folgejahren ein kräftiges Gehörn mit sechs Enden (Sechserbock). Allerdings gibt es auch ältere Rehböcke, die dauerhaft nur Spieße schieben – sogenannte Kümmerer oder Geweihkümmerer. Diese Böcke werden im Rahmen der Hege und des Abschussplans häufig zur Entnahme vorgesehen, um die Qualität des Wildbestands zu erhalten.

Bedeutung für Jagdpraxis und Hege

In der jagdlichen Praxis spielt die korrekte Ansprache eines Spießers eine zentrale Rolle. Vor der Schussabgabe muss der Jäger das Stück Wild sicher ansprechen – also Geschlecht, Alter und Geweihentwicklung beurteilen. Die Unterscheidung zwischen einem jungen Spießer, der sich noch zu einem starken Hirsch oder Bock entwickeln kann, und einem älteren Tier mit dauerhaft schwachem Geweih ist dabei von erheblicher Bedeutung für die Bestandsregulierung.

In vielen Revieren und nach den Vorgaben der jeweiligen Landesjagdgesetze werden Spießer einer bestimmten Altersklasse dem sogenannten Jugendklasse-Abschuss zugeordnet. Der Abschussplan sieht in der Regel vor, dass junge männliche Stücke in angemessener Zahl erlegt werden, um ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis und eine gesunde Altersstruktur im Bestand zu gewährleisten. Gleichzeitig sollen Spießer mit erkennbar guter Veranlagung geschont werden, damit sie ihr genetisches Potenzial in den Folgejahren entfalten können.

Die Beurteilung erfordert Erfahrung. Körperbau, Verhalten, Stellung im Rudel und die Beschaffenheit der Stangen geben Hinweise auf Alter und Entwicklungspotenzial. Ein kräftiger Jährling mit kurzen, dicken Spießen und ausgeprägten Rosenstöcken wird in der Regel anders bewertet als ein schmächtiger Spießer mit dünnen, kurzen Stangen.

Sprachliche Herkunft und Verwendung

Das Wort Spießer gehört zu den ältesten Begriffen der deutschen Weidmannssprache. Es leitet sich vom mittelhochdeutschen „spiez" (Spieß, Lanze) ab und beschreibt treffend die lanzenförmige Gestalt des Erstlingsgeweihs. Interessanterweise hat der jagdliche Begriff im Laufe der Jahrhunderte auch Eingang in die Alltagssprache gefunden: Die umgangssprachliche Bedeutung von „Spießer" als engstirniger, spießbürgerlicher Mensch geht allerdings auf eine andere etymologische Linie zurück und steht mit dem Spießbürger – dem mit einem Spieß bewaffneten Stadtbürger – in Verbindung.

In der jagdlichen