Sprosse
SJäger- & Weidmannssprache > Jäger- & Weidmannssprache
Definition und Überblick
Als Sprosse bezeichnet man in der Jäger- und Weidmannssprache einen einzelnen Ast oder Zacken am Geweih von Hirschartigen (Cerviden). Der Begriff gehört zum festen Vokabular der Jägersprache und beschreibt die seitlichen Verzweigungen, die von der Hauptstange des Geweihs abgehen. Jede einzelne Sprosse hat – je nach Position am Geweih – einen eigenen Namen und liefert dem kundigen Jäger wertvolle Informationen über Alter, Gesundheitszustand und genetische Veranlagung des Tieres.
Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff häufig mit den Sprossen einer Leiter verglichen, was die Herkunft der Bezeichnung erklärt: So wie die Querstreben einer Leiter von den Holmen abzweigen, gehen die Sprossen vom Geweihstamm, der sogenannten Stange, ab. In der weidmännischen Praxis spielt die Beurteilung der Sprossen eine zentrale Rolle bei der Altersansprache und der Bewertung eines Geweihs als Trophäe.
Benennung der einzelnen Sprossen
Die Sprossen am Geweih tragen je nach ihrer Position an der Stange unterschiedliche Bezeichnungen. Am Beispiel des Rothirsches, der das ausgeprägteste Geweih unter den heimischen Cerviden bildet, lassen sich die verschiedenen Sprossen am besten erläutern:
- Augsprosse (Augensprosse): Die unterste Sprosse, die unmittelbar oberhalb der Rose – dem verdickten Ansatz der Stange am Schädel – nach vorn gerichtet abzweigt. Sie sitzt auf Höhe der Augen und dient dem Hirsch als Schutzwaffe bei Kommentkämpfen.
- Eissprosse: Die zweite Sprosse oberhalb der Augsprosse. Sie ist nicht bei jedem Hirsch ausgebildet und gilt bei Vorhandensein als Zeichen eines gut veranlagten Geweihs. Der Name leitet sich vermutlich von einer älteren Bedeutung von „Eis" als „Spitze" ab.
- Mittelsprosse: Sie sitzt etwa in der Mitte der Stange und markiert den Übergangsbereich zum oberen Geweihbereich. Auch sie ist nicht bei jedem Hirsch vorhanden.
- Wolfsprosse: Eine zusätzliche Sprosse, die zwischen Eissprosse und Mittelsprosse auftreten kann. Sie kommt selten vor und wird weidmännisch als Besonderheit gewertet.
- Krone: Den oberen Abschluss des Geweihs bildet die Krone, die aus mehreren Sprossen bestehen kann. Man spricht von einer Krone, wenn mindestens drei Enden am oberen Stangenende sichtbar sind. Ist die Krone besonders ausgeprägt, wird der Hirsch als Kronenhirsch bezeichnet.
Sprossen bei verschiedenen Wildarten
Nicht nur der Rothirsch bildet Sprossen aus. Auch andere Geweihträger weisen Verzweigungen an ihren Stangen auf, allerdings in unterschiedlicher Ausprägung:
Beim Damhirsch sind die Sprossen im unteren Stangenbereich ähnlich wie beim Rothirsch ausgebildet. Im oberen Bereich verbreitert sich das Geweih jedoch zu einer Schaufel, an deren Rand sogenannte Schaufelsprossen sitzen. Diese geben dem Damhirschgeweih sein charakteristisches Aussehen.
Das Rehwild bildet im Vergleich ein deutlich kleineres Geweih, das in der Jägersprache als Gehörn bezeichnet wird. Beim Rehbock sind die Sprossen weniger zahlreich. Ein normal entwickelter Sechserbock trägt an jeder Stange eine Vordersprosse und eine Hintersprosse, wobei die Stange selbst das dritte Ende bildet. Eine zusätzliche Sprosse wird als Nebensprosse oder Beiende bezeichnet.
Beim Elch dominiert – ähnlich wie beim Damhirsch – die Schaufelbildung, wobei auch hier Sprossen am Schaufelrand auftreten. Der Sikahirsch bildet ein vergleichsweise schlankes Geweih mit wenigen, aber klar definierten Sprossen aus.
Bedeutung für die Altersansprache und Hegearbeit
Die Anzahl, Länge und Form der Sprossen liefern dem Jäger wesentliche Hinweise bei der Altersschätzung des Wildes. Entgegen einem weit verbreiteten Irrtum lässt sich das genaue Alter eines Hirsches jedoch nicht allein an der Zahl der Geweihenden ablesen. Zwar nimmt die Endenzahl beim jungen Hirsch in der Regel mit jedem Geweihzyklus zu, doch ab einem gewissen Alter stagniert das Wachstum oder geht sogar zurück – man spricht dann vom Zurücksetzen.
Für die Hege und den Abschussplan ist die Beurteilung der Sprossen dennoch unverzichtbar. Ein Hirsch, der in jungen Jahren bereits gut ausgebildete Aug- und Eissprossen zeigt, gilt als genetisch gut veranlagt und wird in der Regel als Zukunftshirsch geschont. Alte Hirsche, deren Sprossen an Substanz verlieren und deren Krone sich vereinfacht, werden als Erntehirsche freigegeben.
Bei der Trophäenbewertung nach dem internationalen CIC-System fließen Länge und Umfang der Sprossen direkt in die Punktzahl ein. Besonders die Augsprosse und die Mittelsprosse werden vermessen. Auch die Perlung – die raue, perlenartige Oberfläche der Sprossen – wird als Qualitätsmerkmal herangezogen.
Weidmännische Redewendungen und Zählweise
In der Jägersprache wird ein Hirsch nach der Gesamtzahl seiner Enden angesprochen. Dabei zählt jede Sprosse als ein Ende, ebenso die Stangenspitze selbst. Ein Hirsch mit fünf Enden pro Stange wird als Zehner bezeichnet, einer mit sechs Enden pro Seite als Zwölfender. Sind die Enden auf beiden Seiten ungleich verteilt, spricht man von einem ungeraden Geweih – beispiels