Tauwurm
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Steckbrief
- Wissenschaftlicher Name: Lumbricus terrestris
- Stamm: Ringelwürmer (Annelida)
- Klasse: Gürtelwürmer (Clitellata)
- Ordnung: Wenigborster (Oligochaeta)
- Familie: Regenwürmer (Lumbricidae)
- Gattung: Lumbricus
- Lebensraum: Böden gemäßigter Klimazonen, bevorzugt feuchte, humusreiche Erde
- Größe: 12–30 cm, in Ausnahmefällen bis 35 cm
- Gewicht: 5–12 g
- Lebenserwartung: 4–8 Jahre, unter günstigen Bedingungen bis zu 10 Jahre
Aussehen & Merkmale
Der Tauwurm ist die größte und bekannteste einheimische Regenwurmart in Mitteleuropa. Sein langgestreckter, zylindrischer Körper ist in 110 bis 180 Segmente (Metamere) gegliedert, die äußerlich als ringförmige Einschnürungen sichtbar sind. Die Körperoberfläche ist schleimig-feucht und frei von Schuppen, Fell oder anderen Hautanhangsgebilden – typisch für Anneliden. Die Färbung variiert von rötlich-braun auf der Oberseite bis blassrosa an der Bauchseite. Diese Pigmentierung schützt das Vorderende, das beim nächtlichen Fressen aus dem Boden ragt, vor UV-Strahlung.
An jedem Segment sitzen vier Paar kurze Borsten (Chaetae), die bei der Fortbewegung im Erdreich als Verankerung dienen. Das Vorderende ist zugespitzt und trägt das Prostomium, einen lippentragenden Kopflappen ohne Augen. Dennoch besitzt der Tauwurm Lichtsinneszellen in der Epidermis, die vor allem am Vorder- und Hinterende konzentriert sind. Bei geschlechtsreifen Tieren ist das Clitellum – ein verdickter, heller Gürtelbereich zwischen dem 31. und 37. Segment – deutlich erkennbar. Dieses Drüsengebilde spielt eine zentrale Rolle bei der Fortpflanzung.
Lebensraum & Verbreitung
Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet von Lumbricus terrestris umfasst weite Teile Europas, von Skandinavien bis in den Mittelmeerraum. Durch menschliche Verschleppung – etwa mit Pflanzerde und Agrarböden – hat sich die Art mittlerweile auch in Nordamerika, Neuseeland und Teilen Südamerikas etabliert. In einigen dieser Regionen gilt der Tauwurm als invasive Art, da er dort die Bodenstruktur und die einheimische Bodenfauna verändert.
Das bevorzugte Habitat sind tiefgründige, lehmig-humose Böden in Wiesen, Gärten, Laubwäldern und Parklandschaften. Der Tauwurm ist ein sogenannter anözischer Regenwurm: Er gräbt tiefe, vorwiegend vertikale Wohnröhren, die bis zu 2 Meter in den Boden reichen können. Diese permanenten Gänge dienen als Rückzugsraum und werden über Jahre hinweg genutzt und instand gehalten. Staunasse, stark saure oder verdichtete Böden meidet die Art. Auch in reinen Sandböden fehlt sie weitgehend, da diese zu wenig Feuchtigkeit speichern.
Ernährung
Der Tauwurm ernährt sich vorwiegend von abgestorbenem Pflanzenmaterial, das er nachts an der Bodenoberfläche aufnimmt. Typische Nahrung sind Falllaub, verwelkte Grashalme und andere organische Reste. Er zieht die Blätter mit dem Mund in seine Wohnröhre und lässt sie dort vorverwesen, bevor er sie frisst. Neben dem pflanzlichen Material nimmt er auch Bodenmikroorganismen, Pilzhyphen und feine mineralische Partikel auf.
Bei der Verdauung passiert die Nahrung einen muskulösen Muskelmagen, in dem sie mit aufgenommenen Sandkörnern mechanisch zerkleinert wird. Die ausgeschiedenen Kothäufchen – die sogenannten Wurmlosungen – sind als kleine, gekörnelte Erdhaufen an der Bodenoberfläche sichtbar. Sie enthalten eine hohe Konzentration pflanzenverfügbarer Nährstoffe und tragen erheblich zur Bodenverbesserung bei.
Verhalten & Lebensweise
Der Tauwurm ist streng nachtaktiv. Tagsüber verbleibt er in seinen tiefen Wohnröhren, deren Eingänge er oft mit zusammengerollten Blättern oder Kotballen verschließt. In der Dunkelheit streckt er den Vorderkörper aus der Röhre, um Nahrung zu sammeln, hält dabei aber das Hinterende stets in der Röhre verankert – eine Strategie, die eine schnelle Flucht vor Fressfeinden ermöglicht.
Ein Revier im eigentlichen Sinne verteidigt der Tauwurm nicht, doch jedes Tier nutzt dauerhaft dieselbe Wohnröhre. Bei Erschütterungen des Bodens – etwa durch grabende Maulwürfe oder starken Regen – zieht sich der Wurm blitzartig in tiefere Erdschichten zurück. Diese Fluchtreaktion beruht auf Vibrationssensoren in der Körperwand. In Trockenperioden oder bei Frost gräbt sich der Tauwurm in größere Tiefen ein, rollt sich spiralförmig zusammen und fällt in eine Ruhephase (Diapause), in der sein Stoffwechsel stark reduziert ist.
Seinen deutschen Namen verdankt der Tauwurm dem Umstand, dass er bevorzugt in feuchten, taufrischen Nächten an die Oberfläche kommt und dann besonders leicht aufzufinden ist.
Fortpflanzung & Aufzucht
Lumbricus terrestris ist wie alle Regenwürmer ein Zwitter (Hermaphrodit). Jedes Tier besitzt sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsorgane, eine Selbstbefruchtung findet jedoch in der Regel nicht statt. Die Paarung erfolgt oberirdisch, meist in warmen, feuchten Nächten im Frühjahr und Herbst. Dabei legen sich zwei Würmer antiparallel aneinander, verbinden sich über eine Schleimmanschette und tauschen gegenseitig Spermien aus.
Nach der Begattung bildet das Clitellum einen zähflüssigen Schleimring, der sich über den Körper nach vorne