Tsetsefliege
TTierart – Insekten > Zweiflügler
Steckbrief
- Wissenschaftlicher Name: Glossina spp.
- Ordnung: Zweiflügler (Diptera)
- Familie: Zungenfliegen (Glossinidae)
- Gattung: Glossina (einzige Gattung der Familie, ca. 23–34 Arten je nach Systematik)
- Lebensraum: Tropisches und subtropisches Afrika südlich der Sahara; Feuchtsavannen, Galeriewälder, Regenwaldränder
- Größe: 6–16 mm Körperlänge je nach Art
- Gewicht: ca. 20–70 mg
- Lebenserwartung: Weibchen bis zu 3–4 Monate, Männchen etwa 2–3 Wochen kürzer
Aussehen & Merkmale
Tsetsefliegen sind mittelgroße, robust gebaute Zweiflügler mit einer Körperlänge zwischen 6 und 16 Millimetern. Ihre Grundfärbung variiert je nach Art von gelbbraun bis dunkelbraun. Ein auffälliges äußeres Erkennungsmerkmal ist die Ruhestellung der Flügel: Diese werden in Ruhe flach übereinander gefaltet und ragen dabei scherenförmig über den Hinterleib hinaus – ein Merkmal, das die Tsetsefliege von anderen Fliegen sicher unterscheidet.
Der Kopf trägt ein kräftig ausgebildetes, nach vorne gerichtetes Stechrüsselchen (Proboscis), das sowohl bei Männchen als auch bei Weibchen vorhanden ist. Beide Geschlechter sind obligate Blutsauger. Die Fühler (Antennen) besitzen an ihrer Arista – einem borstenförmigen Fortsatz – charakteristische, verzweigte Haare, die unter dem Mikroskop gut erkennbar sind. Die Facettenaugen sind groß und seitlich am Kopf positioniert. Am Thorax finden sich häufig dunklere Längsstreifen, deren Muster bei der Artbestimmung eine wichtige Rolle spielt. Die Tarsen der Beine enden in Haftpolstern und Klauen, die ein sicheres Festhalten an der Haut des Wirtstieres ermöglichen.
Lebensraum & Verbreitung
Das Verbreitungsgebiet der Tsetsefliegen beschränkt sich auf das subsaharische Afrika. Sie besiedeln eine Fläche von rund 10 Millionen Quadratkilometern in etwa 36 afrikanischen Ländern. Innerhalb dieses Areals lassen sich die Arten ökologisch in drei Gruppen einteilen: Die Glossina morsitans-Gruppe bevorzugt offene Savannen und trockene Waldgebiete, die Glossina palpalis-Gruppe ist an Gewässerränder, Galeriewälder und feuchte Biotope gebunden, und die Glossina fusca-Gruppe besiedelt dichte tropische Regenwälder.
Entscheidend für das Vorkommen sind Temperatur, Luftfeuchtigkeit und das Vorhandensein geeigneter Wirtstiere. Tsetsefliegen meiden sowohl extreme Trockenheit als auch Gebiete über 1.800 Meter Höhe. Ihr Habitat ist eng an Gehölzstrukturen geknüpft, da sie schattige Ruheplätze an Baumstämmen und Ästen benötigen.
Ernährung
Tsetsefliegen sind ausschließlich hämatophag – sie ernähren sich von Blut warmblütiger Wirbeltiere. Im Gegensatz zu vielen anderen blutsaugenden Fliegen, bei denen nur die Weibchen stechen, nehmen bei Glossina beide Geschlechter Blutmahlzeiten zu sich. Der Stechakt dauert wenige Sekunden bis etwa eine Minute. Die Fliege sticht mit dem Proboscis durch die Haut des Wirts, injiziert gerinnungshemmenden Speichel und saugt anschließend Blut. Eine einzige Mahlzeit kann das Körpergewicht der Fliege verdoppeln bis verdreifachen.
Je nach Artengruppe unterscheiden sich die bevorzugten Wirtstiere. Savannenarten saugen vorwiegend an Wildtieren wie Antilopen, Warzenschweinen und Büffeln; gewässergebundene Arten nutzen häufig Reptilien; und alle Artengruppen stechen gelegentlich auch Menschen und Nutztiere.
Verhalten & Lebensweise
Tsetsefliegen sind tagaktiv und orientieren sich bei der Wirtsfindung vorwiegend über visuelle Reize und Körpergerüche. Dunkle, sich bewegende Objekte ziehen sie besonders an – ein Umstand, den man sich bei der Bekämpfung mit speziellen Lockfallen zunutze macht. Auch Kohlendioxid in der Atemluft und Körperwärme wirken anlockend.
Die Fliegen sind wendige und schnelle Flieger, die Geschwindigkeiten von bis zu 25 km/h erreichen können. Außerhalb der Nahrungssuche verbringen sie den Großteil des Tages ruhend an schattigen Plätzen. Ein einzelnes Weibchen nimmt etwa alle zwei bis drei Tage eine Blutmahlzeit auf. Die Tiere leben solitär und bilden keine Schwärme oder Sozialverbände, können aber an günstigen Ruheplätzen in höherer Dichte auftreten.
Fortpflanzung & Aufzucht
Die Fortpflanzungsbiologie der Tsetsefliege ist unter den Dipteren außergewöhnlich. Weibchen paaren sich in der Regel nur einmal, da die aufgenommenen Spermien in einer Samentasche (Spermatheca) über die gesamte Lebensdauer gespeichert werden. Im Gegensatz zu den meisten Fliegen, die zahlreiche Eier ablegen, ist die Tsetsefliege adenotrophisch vivipar: Das Weibchen entwickelt jeweils nur eine einzelne Larve im Uterus, die über spezielle Uterusdrüsen (Milchdrüsen) mit einer nährstoffreichen Sekretion ernährt wird.
Die Larve durchläuft drei Larvenstadien innerhalb des Muttertiers und wird als voll entwickelte Drittlarve (L3) abgesetzt – ein Vorgang, der dem Gebären bei Säugetieren oberflächlich ähnelt. Unmittelbar nach der Ablage gräbt sich die Larve wenige Zentimeter in lockeren, schattigen Boden ein und verpuppt sich dort. Das Puppenstadium dauert je nach Temperatur drei bis fünf Wochen. Ein Weibchen produziert über seine gesamte Lebenszeit nur etwa 8 bis 12 Nachkommen – eine für Insekten extrem geringe Reproduktionsrate.