Tubifex
TTierart – Wirbellose > Würmer & Co
Steckbrief
- Wissenschaftlicher Name: Tubifex tubifex (Müller, 1774)
- Stamm: Ringelwürmer (Annelida)
- Klasse: Gürtelwürmer (Clitellata)
- Ordnung: Wenigborster (Oligochaeta)
- Familie: Tubificidae (Schlammröhrenwürmer)
- Gattung: Tubifex
- Lebensraum: Schlammige Gewässerböden, bevorzugt nährstoffreiche Süßgewässer
- Größe: 2–8 cm, selten bis 12 cm
- Gewicht: Wenige Milligramm (Einzelindividuum)
- Lebenserwartung: Etwa 1–2 Jahre unter natürlichen Bedingungen
Aussehen & Merkmale
Tubifex tubifex, im deutschen Sprachraum als Schlammröhrenwurm, Bachröhrenwurm oder einfach Tubifex bekannt, gehört zu den Wenigborstern (Oligochaeta) innerhalb der Ringelwürmer. Der Körper ist langgestreckt, zylindrisch und deutlich segmentiert. Jedes Segment trägt kurze, hakenförmige Borsten (Chaetae), die der Fortbewegung im weichen Substrat dienen. Eine äußere Schuppung, ein Fell oder ein Exoskelett fehlen – die dünne Cuticula liegt direkt über der Epidermis.
Die Körperfarbe variiert zwischen blassrosa und kräftigem Rot. Die rötliche Färbung geht auf den hohen Gehalt an Hämoglobin im Blut zurück, das im geschlossenen Blutgefäßsystem zirkuliert. Dieses Hämoglobin ermöglicht es dem Wurm, Sauerstoff selbst in extrem sauerstoffarmen Sedimenten effizient zu binden. Augen oder sonstige komplexe Sinnesorgane fehlen; die Orientierung erfolgt über Chemorezeptoren und Tastsinneszellen in der Haut.
Wie andere Oligochaeten besitzt Tubifex ein Clitellum – eine drüsenreiche Verdickung im vorderen Körperdrittel, die bei der Fortpflanzung eine zentrale Rolle spielt. Im reifen Zustand ist dieses Gürtel genannte Organ als heller, leicht verdickter Ring erkennbar.
Lebensraum & Verbreitung
Das Verbreitungsgebiet von Tubifex tubifex ist nahezu kosmopolitisch. Die Art kommt auf allen Kontinenten außer der Antarktis vor, mit Schwerpunkten in der gemäßigten Zone Europas, Nordamerikas und Asiens. Sie besiedelt Süßgewässer aller Art: Flüsse, Bäche, Seen, Teiche und Kanäle.
Das bevorzugte Habitat ist der schlammige, organisch reiche Gewässerboden (Benthal). Besonders hohe Populationsdichten finden sich in eutrophen Gewässern, also in Biotopen mit starker Nährstoffbelastung. Unterhalb von Kläranlagen-Einleitungen, an Abwassereinleitungsstellen oder in stark verschmutzten Stadtgewässern kann Tubifex Massenansammlungen von mehreren zehntausend Individuen pro Quadratmeter bilden. In der biologischen Gewässergütebeurteilung gilt das massenhafte Auftreten von Tubificiden daher als Indikator für starke organische Belastung (Saprobienindex: polysaprobe Zone, Güteklasse III–IV).
Die Würmer graben sich mit dem Vorderende in das Sediment ein, während das Hinterende frei ins Wasser ragt und wellenförmige Bewegungen ausführt. Dieses charakteristische Verhalten dient der Sauerstoffaufnahme über die Körperoberfläche.
Ernährung
Tubifex ernährt sich als Sedimentfresser (Detritivore). Er nimmt mit dem Schlund organische Partikel, Bakterien, Algenreste und zersetztes Pflanzenmaterial auf, die im Gewässerschlamm enthalten sind. Die verdaulichen Anteile werden im einfach gebauten Darmtrakt resorbiert, der unverdauliche Rest als Kothäufchen an der Sedimentoberfläche abgegeben. Durch diese Fresstätigkeit wühlen dichte Tubifex-Kolonien das Sediment kontinuierlich um – ein Vorgang, der als Bioturbation bezeichnet wird und den Nährstoffkreislauf im Gewässergrund beeinflusst.
Verhalten & Lebensweise
Tubifex lebt gesellig in dichten Aggregationen, die als charakteristische rote „Rasen" auf dem Gewässergrund sichtbar werden können. Von einem Revierverhalten kann keine Rede sein; die Tiere zeigen keinerlei Territorialität. Ihre Aktivität ist nicht streng an einen Tag-Nacht-Rhythmus gebunden, wobei einige Beobachtungen auf eine verstärkte Aktivität bei Dunkelheit hindeuten.
Die Würmer leben in selbst gegrabenen, mit Schleim ausgekleideten Röhren im Sediment. Bei Störung – etwa durch Erschütterungen oder plötzlichen Lichteinfall – ziehen sie das exponierte Hinterende blitzschnell in die Röhre zurück. Diese Reaktion wird durch einen einfachen Fluchtreflex gesteuert, der über das ventrale Nervenstrangsystem vermittelt wird.
Eine herausragende physiologische Eigenschaft ist die Toleranz gegenüber Sauerstoffmangel. Tubifex überlebt in nahezu anoxischen Sedimenten über längere Zeiträume. Bei sinkendem Sauerstoffgehalt steigert der Wurm die Frequenz seiner Pendelbewegungen am Hinterende, um die Kontaktfläche mit sauerstoffhaltigem Wasser zu maximieren. In Extremsituationen kann er vorübergehend auf anaeroben Stoffwechsel umschalten.
Fortpflanzung & Aufzucht
Tubifex tubifex ist wie alle Oligochaeten ein Zwitter (Hermaphrodit). Jedes Individuum besitzt sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsorgane. Zur Paarung legen sich zwei Würmer mit gegenläufiger Körperausrichtung aneinander und tauschen gegenseitig Spermien aus. Die Übertragung erfolgt über das Clitellum, das anschließend einen schleimigen Kokon absondert. In diesen Kokon werden Eizellen und die zuvor aufgenommenen Spermien abgegeben;