Waldspitzmaus
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Steckbrief
- Wissenschaftlicher Name: Sorex araneus
- Ordnung: Insektenfresser (Eulipotyphla)
- Familie: Spitzmäuse (Soricidae)
- Gattung: Rotzahnspitzmäuse (Sorex)
- Lebensraum: Wälder, Hecken, Gärten, feuchte Wiesen und Ufergebiete
- Größe: Kopf-Rumpf-Länge 6–9 cm, Schwanzlänge 3–5 cm
- Gewicht: 5–14 g
- Lebenserwartung: 12–18 Monate in freier Wildbahn
Aussehen & Merkmale
Die Waldspitzmaus ist ein kleines, schlankes Säugetier mit einer auffällig spitzen, rüsselartigen Schnauze. Das dichte, samtige Fell zeigt eine charakteristische Dreifarbigkeit: Die Oberseite ist dunkelbraun bis schwarzbraun gefärbt, die Flanken heben sich durch einen helleren, kastanienbraunen Streifen ab, und die Unterseite erscheint grau bis gelblichgrau. Im Herbst wechseln Jungtiere ihr Jugendkleid gegen ein dichteres Winterfell, das insgesamt dunkler ausfällt als das Sommerfell.
Ein sicheres Bestimmungsmerkmal ist die Zahnfärbung: Als Vertreterin der Rotzahnspitzmäuse (Gattung Sorex) besitzt die Waldspitzmaus dunkelrot pigmentierte Zahnspitzen, die durch Eiseneinlagerungen im Zahnschmelz entstehen. Diese Eigenschaft unterscheidet sie zuverlässig von den Weißzahnspitzmäusen (Gattung Crocidura), zu denen etwa die Hausspitzmaus zählt. Die Augen sind sehr klein, die Ohrmuscheln fast vollständig im Fell verborgen. Der Schwanz erreicht etwa die Hälfte der Kopf-Rumpf-Länge und ist an der Unterseite mit steifen Borsten besetzt.
Lebensraum & Verbreitung
Das Verbreitungsgebiet der Waldspitzmaus erstreckt sich über weite Teile Europas und Nordasiens – von Großbritannien und Skandinavien ostwärts bis zum Baikalsee. In den Alpen kommt sie bis in Höhenlagen von rund 2.500 Metern vor. Im Mittelmeerraum und auf der Iberischen Halbinsel fehlt sie; dort wird sie durch verwandte Arten wie die Gartenspitzmaus (Crocidura suaveolens) ersetzt.
Als Habitat bevorzugt die Waldspitzmaus feuchte, deckungsreiche Biotope. Laub- und Mischwälder mit dicker Laubstreuschicht bilden ihren Lebensraum ebenso wie Hecken, Gebüschsäume, Ufervegetation und verwilderte Gärten. Entscheidend ist ein ausreichend feuchtes Mikroklima am Boden, da die Tiere über ihre große Körperoberfläche im Verhältnis zum geringen Volumen rasch Wasser verlieren. Offene, trockene Flächen meidet sie konsequent. In Mitteleuropa ist sie die häufigste Spitzmausart und in geeigneten Lebensräumen mit Populationsdichten von 20 bis 60 Individuen pro Hektar vertreten.
Ernährung
Die Waldspitzmaus ist ein reiner Fleischfresser mit einem extrem hohen Stoffwechsel. Sie muss täglich eine Nahrungsmenge aufnehmen, die 80 bis 120 Prozent ihres eigenen Körpergewichts entspricht. Bereits wenige Stunden ohne Nahrung können für sie tödlich enden. Ihre Beute besteht hauptsächlich aus Regenwürmern, Insekten, Spinnen, Asseln und Schnecken, die sie in der Laubstreu und im Oberboden aufspürt. Gelegentlich frisst sie auch kleine Wirbeltiere, Aas oder Samen, letztere spielen aber nur eine marginale Rolle.
Beim Beutefang verlässt sich die Waldspitzmaus vor allem auf ihren hervorragend ausgeprägten Geruchssinn und auf taktile Reize über die empfindlichen Tasthaare an der Schnauze. Ihr Sehvermögen ist dagegen schwach entwickelt. Es gibt Hinweise darauf, dass Waldspitzmäuse eine einfache Form der Echoortung nutzen, indem sie hochfrequente Zwitscherlaute ausstoßen und deren Reflexionen auswerten – ein unter Säugetieren seltenes Phänomen außerhalb der Fledertiere.
Verhalten & Lebensweise
Die Waldspitzmaus ist sowohl tag- als auch nachtaktiv und folgt einem polyphasischen Aktivitätsrhythmus: Kurze Phasen intensiver Nahrungssuche wechseln sich rund um die Uhr mit Ruhephasen von ein bis zwei Stunden ab. Einen echten Winterschlaf hält sie nicht; allerdings reduziert sie im Herbst ihre Körpermasse, einschließlich der Organe und sogar des Schädels – ein Vorgang, der als Dehnel-Phänomen bekannt ist und im Abschnitt zu den Besonderheiten erläutert wird.
Außerhalb der Paarungszeit lebt die Waldspitzmaus einzelgängerisch und verteidigt ein kleines Revier von 400 bis 600 Quadratmetern aggressiv gegen Artgenossen. Bei Begegnungen stoßen die Tiere schrille Schreie aus und können sich mit ihren scharfen Zähnen heftige Bisswunden zufügen. Als Unterschlupf dienen selbstgegrabene Gänge in weichem Boden, verlassene Mauselöcher oder Hohlräume unter Baumwurzeln und Totholz.
Fortpflanzung & Aufzucht
Die Paarungszeit erstreckt sich in Mitteleuropa von April bis September. Weibchen können in dieser Zeit zwei bis vier Würfe mit jeweils fünf bis sieben, gelegentlich bis zu zehn Jungtieren hervorbringen. Die Tragzeit beträgt rund 20 Tage. Die Jungtiere kommen nackt, blind und mit einem Geburtsgewicht von weniger als einem Gramm zur Welt.
Das Weibchen säugt die Jungen etwa 22 Tage lang in einem kugelförmigen Nest aus Gras und Laub. In den ersten Lebenswochen zeigen die Jungen ein typisches Karawanenverhalten: Beim Verlassen des Nests beißt sich jedes Jungtier in den Schwanz des vorangehenden Geschwisters, während das vorderste Tier die Mutter festhält.