Fingertier
FTierart – Säugetiere > Primaten
Steckbrief
- Wissenschaftlicher Name: Daubentonia madagascariensis
- Ordnung: Primaten (Primates)
- Unterordnung: Feuchtnasenprimaten (Strepsirrhini)
- Familie: Daubentoniidae (Fingertiere)
- Gattung: Daubentonia
- Lebensraum: Tropische Regen-, Trocken- und Mangrovenwälder Madagaskars
- Kopf-Rumpf-Länge: 36–44 cm
- Schwanzlänge: 50–60 cm
- Gewicht: 2–3 kg
- Lebenserwartung: ca. 20 Jahre in freier Wildbahn, bis 24 Jahre in Gefangenschaft
Aussehen & Merkmale
Das Fingertier, im Englischen als Aye-Aye bezeichnet, ist der größte nachtaktive Primat der Welt. Sein Erscheinungsbild weicht so stark von dem anderer Lemuren ab, dass es lange Zeit fälschlich den Nagetieren zugeordnet wurde. Der Körper ist von einem zotteligen, dunkelbraunen bis schwarzen Fell bedeckt, das von einem helleren, gelblich-weißen Unterfell durchsetzt ist. Einzelne Deckhaare können bis zu neun Zentimeter lang werden und verleihen dem Tier ein struppiges Aussehen.
Der Kopf ist rundlich mit großen, ledrigen, beweglichen Ohren, die nahezu unbehaart sind. Die Augen sind groß und gelblich-grün – eine Anpassung an die nächtliche Lebensweise. Im Gebiss fallen die kräftigen, nagetierähnlichen Schneidezähne auf, die zeitlebens nachwachsen und von hartem Schmelz überzogen sind. Zwischen den Schneidezähnen und den Backenzähnen liegt eine Zahnlücke (Diastema), was die frühere Verwechslung mit Rodentia erklärt.
Das auffälligste Merkmal ist der extrem verlängerte, dünne dritte Finger (Mittelfinger) der Hand. Dieser ist skelettartig dünn, mit einem Kugelgelenk versehen und unabhängig von den anderen Fingern in alle Richtungen beweglich. Er dient als hochspezialisiertes Werkzeug bei der Nahrungssuche. Die übrigen Finger tragen Krallen statt der bei Primaten sonst üblichen Nägel – einzig die Großzehe besitzt einen flachen Nagel. Der buschige Schwanz ist länger als der Körper und dient als Balancierhilfe beim Klettern.
Lebensraum & Verbreitung
Das Verbreitungsgebiet des Fingertiers beschränkt sich ausschließlich auf Madagaskar. Dort besiedelt die Art ein überraschend breites Spektrum an Habitaten: von den immergrünen tropischen Regenwäldern der Ostküste über die Trockenwälder im Westen bis hin zu Mangrovenwäldern, Sekundärwäldern und gelegentlich auch Kokosplantagen. Die Art wurde in Höhenlagen vom Meeresniveau bis etwa 1.000 Meter nachgewiesen.
Die Verbreitung ist stark fragmentiert. Historisch war das Fingertier über weite Teile der bewaldeten Regionen Madagaskars verbreitet. Durch die fortschreitende Rodung der Wälder – Madagaskar hat bereits über 80 Prozent seiner ursprünglichen Waldfläche verloren – sind die Populationen heute auf isolierte Biotope verstreut. Zu den wichtigsten Schutzgebieten mit stabilen Vorkommen zählen der Nationalpark Masoala, das Reservat Nosy Mangabe und der Regenwald von Mananara-Nord.
Ernährung
Das Fingertier ist ein Nahrungsspezialist mit einer einzigartigen Technik der Futtersuche: dem sogenannten perkussiven Fouragieren. Dabei klopft es mit dem verlängerten dritten Finger in schneller Folge auf Baumrinde und Holz, während es die großen Ohren nach vorne richtet. Über die Schallreflexion ortet es Hohlräume und darin befindliche Insektenlarven – insbesondere die Larven holzbohrender Käfer und Motten. Hat es eine Larve lokalisiert, nagt es mit den kräftigen Schneidezähnen ein Loch in das Holz und angelt die Beute mit dem dünnen Mittelfinger heraus.
Neben Insektenlarven umfasst das Nahrungsspektrum auch Samen, Nektar, Pilze und Früchte. Besonders geschätzt sind die Nüsse der Ramy-Palme (Canarium madagascariense) und Kokosnüsse, wobei letztere das Fingertier gelegentlich in Konflikt mit Landwirten bringen. Die Art füllt damit eine ökologische Nische, die auf anderen Kontinenten von Spechten besetzt wird – Vögel, die auf Madagaskar fehlen.
Verhalten & Lebensweise
Fingertiere sind strikt nachtaktiv. Tagsüber schlafen sie in selbst gebauten Kugelnestern aus Blättern und Zweigen, die hoch in Astgabeln errichtet werden. Ein Individuum unterhält mehrere solcher Schlafnester innerhalb seines Streifgebiets und wechselt regelmäßig zwischen ihnen.
Die Art lebt überwiegend einzelgängerisch. Die Streifgebiete der Männchen sind mit 100 bis 200 Hektar deutlich größer als die der Weibchen (30 bis 50 Hektar) und überlappen sich sowohl untereinander als auch mit denen weiblicher Tiere. Die Reviermarkierung erfolgt über Duftdrüsen und Urin. Akustische Kommunikation spielt ebenfalls eine Rolle: Das Repertoire umfasst schrille Schreie, die der Kontaktaufnahme und Reviersicherung dienen.
Die Fortbewegung erfolgt vorwiegend kletternd und springend im Geäst, wobei das Fingertier trotz seiner ungelenk wirkenden Finger erstaunlich geschickt ist. Gelegentlich bewegt es sich auch am Boden fort.
Fortpflanzung & Aufzucht
Weibliche Fingertiere werden etwa alle zwei bis drei Jahre empfängnisbereit. Eine feste Paarungszeit gibt es nicht, obwohl Geburten in der Regenzeit häufiger beobachtet werden. Die Tragzeit beträgt rund 160 bis 170 Tage. In der Regel wird ein einzelnes Jungtier geboren, Zwillingsgeburten sind extrem selten.
Das Neugeborene wiegt etwa 100 Gramm und wird im Kugelnest der Mutter versorgt. Es wird rund sieben Monate gesäugt und bleibt