T Tierlexikon.net
← Lexikon

Ammen-Dornfinger

A

Tierart – Spinnentiere > Webspinnen

Steckbrief

  • Wissenschaftlicher Name: Cheiracanthium punctorium
  • Ordnung: Webspinnen (Araneae)
  • Familie: Dornfingerspinnen (Cheiracanthiidae), früher den Sackspinnen (Clubionidae) zugeordnet
  • Gattung: Dornfinger (Cheiracanthium)
  • Lebensraum: Trockenwarme Wiesen, Brachflächen, Böschungen mit hohem Grasbewuchs
  • Körperlänge: Weibchen 10–15 mm, Männchen 7,5–12 mm (ohne Beine)
  • Gewicht: Etwa 0,2–0,5 g
  • Lebenserwartung: Weibchen bis zu 18 Monate, Männchen in der Regel kürzer

Aussehen & Merkmale

Der Ammen-Dornfinger gehört zu den auffälligeren mitteleuropäischen Spinnenarten. Der Vorderkörper (Prosoma) ist einfarbig orange bis rötlich-braun gefärbt und glänzend. Der Hinterkörper (Opisthosoma) zeigt sich bei adulten Tieren in einem olivgrünen bis gelblich-grünen Ton, bei trächtigen Weibchen oft mit einem deutlich aufgeblähten, fast kugelförmigen Abdomen. Die Beine sind lang, einfarbig gelblich bis orangefarben und ohne Ringelung – ein Unterscheidungsmerkmal gegenüber vielen anderen einheimischen Spinnenarten.

Das namensgebende Merkmal der Gattung Cheiracanthium sind die kräftig ausgebildeten Kieferklauen (Cheliceren). Beim Ammen-Dornfinger sind diese verhältnismäßig groß und dunkel gefärbt, was ihm ermöglicht, die menschliche Haut zu durchdringen – eine Eigenschaft, die nur wenige mitteleuropäische Spinnen besitzen. Die Augen sind in zwei leicht gebogenen Reihen angeordnet, relativ klein und für die überwiegend taktile Orientierung der Art von untergeordneter Bedeutung.

Lebensraum & Verbreitung

Das Verbreitungsgebiet von Cheiracanthium punctorium erstreckt sich von Südeuropa über Mitteleuropa bis nach Zentralasien. In Deutschland liegt der Verbreitungsschwerpunkt in den wärmebegünstigten Regionen, etwa am Oberrhein, in der Mainebene, in Brandenburg und in Teilen Sachsen-Anhalts. In Österreich und der Schweiz besiedelt die Art vor allem tiefere Lagen mit trockenwarmer Prägung.

Als Habitat bevorzugt der Ammen-Dornfinger extensiv genutzte oder brachliegende Wiesen, Wegränder, Böschungen und Ruderalflächen mit dichtem, hohem Grasbewuchs. Typische Biotope sind Halbtrockenrasen, Saumbiotope und verbuschende Brachflächen. Die Art ist thermophil und auf Standorte angewiesen, die im Sommer ausreichend hohe Temperaturen erreichen. In den letzten Jahrzehnten wurde eine Ausbreitung nach Norden beobachtet, die mit dem Klimawandel und zunehmend milderen Sommern in Zusammenhang gebracht wird.

Ernährung

Der Ammen-Dornfinger baut keine Fangnetze. Er jagt als freilebender Lauerjäger und überwältigt seine Beute aktiv. Das Nahrungsspektrum umfasst Insekten und andere Gliederfüßer, darunter Heuschrecken, Käfer, Fliegen, Schmetterlinge und kleinere Spinnen. Die Beute wird mit einem Giftbiss getötet oder immobilisiert, anschließend erfolgt eine extraintestinale Verdauung: Die Spinne injiziert Verdauungsenzyme und saugt die verflüssigte Nahrung auf. Die kräftigen Cheliceren erlauben es dem Ammen-Dornfinger, auch relativ hartschalige Beutetiere zu überwältigen.

Verhalten & Lebensweise

Der Ammen-Dornfinger ist überwiegend nachtaktiv. Tagsüber ruht er in einem selbstgesponnenen Gespinstsack, den er aus zusammengebogenen Grashalmen und Blättern fertigt. Diese Ruhegespinste befinden sich typischerweise in der Krautschicht, etwa 20–70 cm über dem Boden. In der Dämmerung verlässt die Spinne ihr Versteck und streift auf der Suche nach Beute durch die Vegetation.

Die Art lebt solitär und beansprucht kein festes Revier im engeren Sinne, zeigt aber eine gewisse Ortstreue. Bei Störung am Gespinst – etwa durch versehentliches Berühren – kann die Spinne aggressiv reagieren und zubeißen, was insbesondere für die brutpflegenden Weibchen dokumentiert ist.

Fortpflanzung & Aufzucht

Die Paarungszeit fällt in die Monate Juni bis Juli. Männchen suchen aktiv nach paarungsbereiten Weibchen und nähern sich deren Gespinsten. Nach einer kurzen Balz, bei der das Männchen durch Vibrationssignale auf sich aufmerksam macht, kommt es zur Kopulation. Die Männchen sterben in der Regel wenige Wochen nach der Paarung.

Das Weibchen baut im Hochsommer ein auffälliges, etwa walnussgroßes Brutgespinst aus zusammengesponnenem Gras. In dieses Gespinst legt es seinen Eikokon mit bis zu 300 Eiern ab. Das Weibchen bewacht den Kokon und später die geschlüpften Jungspinnen über mehrere Wochen hinweg – ein Verhalten, das als Brutpflege oder Ammenpflege bezeichnet wird und der Art ihren deutschen Namen eingetragen hat. Während dieser Phase nimmt das Weibchen keine Nahrung auf und verteidigt das Gespinst vehement gegen Eindringlinge. Die Jungspinnen häuten sich im Brutgespinst mehrfach und verlassen es im Spätsommer, um eigenständig zu leben. Die Überwinterung erfolgt als Jungspinne in der Bodenstreu.

Bedrohung & Schutzstatus

Der Ammen-Dornfinger ist in Deutschland auf der Vorwarnliste der Roten Liste geführt worden, gilt aber aktuell nicht als unmittelbar gefährdet. In einigen Bundesländern ist er als Art der Vorwarnliste oder als gefährdet eingestuft. Die Hauptgefährdungsursachen liegen im Verlust geeigneter Habitate durch intensive Grünlandwirtschaft, häufige Mahd, Überbauung und Sukzession von Brachflächen. Der Erhalt extensiv bewirtschafteter Wi