Ohrenqualle
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Steckbrief
- Wissenschaftlicher Name: Aurelia aurita
- Stamm: Nesseltiere (Cnidaria)
- Klasse: Schirmquallen (Scyphozoa)
- Ordnung: Semaeostomeae
- Familie: Ulmaridae
- Gattung: Aurelia
- Lebensraum: Küstennahe Meeresgebiete, Brackwasser, offenes Meer; weltweit in gemäßigten bis tropischen Gewässern
- Größe: Schirmdurchmesser 20–40 cm, gelegentlich bis 45 cm
- Gewicht: Bis ca. 2 kg (Körper besteht zu über 95 % aus Wasser)
- Lebenserwartung: Medusenstadium ca. 6–12 Monate; Polypenstadium potenziell mehrere Jahre
Aussehen & Merkmale
Die Ohrenqualle besitzt einen flachen, nahezu durchsichtigen Schirm von glocken- bis scheibenförmiger Gestalt. Die Körperoberfläche ist glatt und gallertartig. Namensgebend sind die vier hufeisenförmigen Gonaden (Geschlechtsorgane), die durch den transparenten Schirm deutlich sichtbar sind und an Ohren erinnern. Ihre Farbe variiert je nach Nahrung und Wassertemperatur von bläulich-weiß über rosa bis violett. Gelegentlich erscheinen die Gonaden bei Männchen weißlich, bei Weibchen eher rosafarben.
Am Schirmrand befinden sich zahlreiche kurze, feine Tentakel, die mit Nesselzellen (Cnidozyten) besetzt sind. Diese Nesselzellen dienen dem Beutefang und enthalten das für Nesseltiere typische Gift, das bei Aurelia aurita für den Menschen jedoch weitgehend harmlos ist. Zwischen den Tentakeln sitzen acht Sinnesorgane, sogenannte Rhopalien, die der Qualle Schwerkraft- und Lichtwahrnehmung ermöglichen. Am Schirmrand hängen vier auffällige Mundarme herab, die ebenfalls Nesselzellen tragen und Nahrung zur zentral gelegenen Mundöffnung transportieren.
Lebensraum & Verbreitung
Die Ohrenqualle ist eine der am weitesten verbreiteten Quallenarten der Welt. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich über nahezu alle Ozeane – vom Nordatlantik und der Nord- und Ostsee über das Mittelmeer und den Indischen Ozean bis zum Pazifik. Sie besiedelt bevorzugt küstennahe, flache Gewässer und dringt regelmäßig in Buchten, Fjorde und Hafenbecken vor. Auch in Brackwasserzonen mit verringertem Salzgehalt kommt sie vor.
Als pelagisch lebende Art treibt Aurelia aurita überwiegend in den oberen Wasserschichten und wird häufig durch Strömungen, Gezeiten und Wind verdriftet. In der Ostsee und der Nordsee gehört sie zu den häufigsten Quallenarten und tritt dort vor allem in den Sommermonaten in großen Ansammlungen auf. Diese Massenansammlungen, sogenannte Quallenblüten, können regional erhebliche Ausmaße annehmen und hängen unter anderem mit der Wassertemperatur und dem Nährstoffgehalt des Wassers zusammen.
Ernährung
Die Ohrenqualle ernährt sich als planktivorer Räuber vorwiegend von Zooplankton. Zu ihrem Nahrungsspektrum gehören Ruderfußkrebse (Copepoden), Muschellarven, Fischlarven, Fischeier sowie andere kleine Organismen des Planktons. Die Nahrungsaufnahme erfolgt passiv: Beim Pulsieren des Schirms wird Wasser über die Körperoberfläche geleitet. Beuteorganismen bleiben an der Schleimschicht auf der Schirmoberfläche und an den Tentakeln haften und werden durch Wimpernschlag zu den Mundarmen und schließlich zur Mundöffnung transportiert. Die Verdauung erfolgt in einem einfachen Gastrovaskularsystem, das gleichzeitig der Nährstoffverteilung im Körper dient.
Verhalten & Lebensweise
Die Ohrenqualle ist kein aktiver Schwimmer im eigentlichen Sinne. Durch rhythmische Kontraktionen ihres Schirms erzeugt sie einen schwachen Vortrieb, der hauptsächlich dazu dient, in der Wassersäule aufzusteigen und nicht abzusinken. Die horizontale Fortbewegung wird überwiegend durch Meeresströmungen bestimmt. Ohrenquallen zeigen keine Revierbildung und kein Sozialverhalten; die häufig beobachteten dichten Schwärme sind das Ergebnis passiver Verdriftung durch Strömung und Wind.
In Bezug auf den Tag-Nacht-Rhythmus wurden bei Aurelia aurita vertikale Wanderungen beobachtet: Nachts halten sich die Tiere tendenziell näher an der Wasseroberfläche auf, tagsüber ziehen sie sich in tiefere Schichten zurück. Diese Wanderung steht vermutlich im Zusammenhang mit dem Verhalten des Zooplanktons, das einem ähnlichen Muster folgt.
Fortpflanzung & Aufzucht
Der Lebenszyklus der Ohrenqualle ist ein klassisches Beispiel für den Generationswechsel bei Nesseltieren und umfasst ein geschlechtliches sowie ein ungeschlechtliches Stadium. Die frei schwimmenden Medusen sind getrenntgeschlechtlich. Männchen geben Spermien ins freie Wasser ab, die von den Weibchen aufgenommen werden. Die befruchteten Eizellen entwickeln sich an den Mundarmen der Weibchen zu Planula-Larven.
Die Planula-Larve setzt sich nach kurzer Schwimmphase auf einem festen Untergrund – etwa Steinen, Muschelschalen oder Hafenstrukturen – fest und entwickelt sich zu einem wenige Millimeter kleinen Polypen (Scyphistoma). Dieser Polyp kann sich über Monate bis Jahre ungeschlechtlich durch Knospung vermehren und auf diese Weise ganze Polypenkolonien bilden. Unter bestimmten Umweltbedingungen – insbesondere bei sinkenden Wassertemperaturen im späten Winter – beginnt der Polyp mit der sogenannten Strobilation: Er schnürt scheibenförmige Larven ab, die Ephyren. Jede Ephyra wächst innerhalb weniger Wochen zu einer jungen Meduse heran, die mit zunehmendem Schirmdurchmesser zur geschlechtsreifen Qualle wird.