Seeigel
STierart – Wirbellose > Nesseltiere & Stachelhäuter
Steckbrief
- Wissenschaftlicher Name: Echinoidea (Klasse)
- Stamm: Stachelhäuter (Echinodermata)
- Unterstamm: Eleutherozoa
- Klasse: Echinoidea
- Ordnungen (Auswahl): Reguläre Seeigel (Camarodonta), Herzseeigel (Spatangoida), Sanddollars (Clypeasteroida)
- Anzahl der Arten: ca. 950 rezente Arten
- Lebensraum: Meeresböden aller Ozeane, von der Gezeitenzone bis zur Tiefsee
- Größe: 3–30 cm Durchmesser, je nach Art
- Gewicht: wenige Gramm bis über 1 kg
- Lebenserwartung: 5–200 Jahre, artabhängig
Aussehen & Merkmale
Seeigel besitzen ein starres, kalkiges Innenskelett – die sogenannte Corona –, das aus eng miteinander verwachsenen Kalkplatten aufgebaut ist. Diese Platten sind in zehn Doppelreihen angeordnet, die sich vom oralen Pol (Mundseite) zum aboralen Pol (Oberseite) erstrecken. Abwechselnd tragen die Plattenreihen Ambulakralfüßchen und Stacheln, was den typischen fünfstrahligen Bauplan der Stachelhäuter widerspiegelt.
Die Stacheln sitzen auf kugelgelenkartigen Höckern und sind beweglich. Ihre Länge, Form und Dicke variieren erheblich zwischen den Arten. Beim Steinseeigel (Paracentrotus lividus) sind sie kurz und kräftig, beim Diademseeigel (Diadema setosum) dagegen lang, dünn und teilweise giftig. Neben den Stacheln tragen Seeigel sogenannte Pedizellarien – winzige, zangenförmige Greiforgane, die der Reinigung der Körperoberfläche dienen und bei einigen Gattungen Giftdrüsen enthalten.
Die Ambulakralfüßchen sind hydraulisch betriebene Schlauchfüßchen, die zum Fortbewegen, Festhalten an Substraten und zur Atmung genutzt werden. Sie werden über das Ambulakralsystem – ein für Echinodermen charakteristisches Wassergefäßsystem – mit Flüssigkeit versorgt. Auf der Unterseite des Körpers liegt der Mund, ausgestattet mit einem komplexen Kauapparat aus fünf Kalkzähnen, der als Laterne des Aristoteles bezeichnet wird. Dieses Gebiss kann Kalkgestein abraspeln und wird kontinuierlich nachgebildet.
Lebensraum & Verbreitung
Seeigel kommen in sämtlichen Weltmeeren vor – von tropischen Korallenriffen über gemäßigte Felsküsten bis hin zu polaren Gewässern und Tiefseebecken. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich von der Gezeitenzone bis in Tiefen von über 5.000 Metern. Reguläre Seeigel bevorzugen harte Substrate wie Fels, Korallen oder Geröll, auf denen sie mit ihren Ambulakralfüßchen Halt finden. Irreguläre Seeigel – darunter Herzseeigel und Sanddollars – leben dagegen eingegraben in Sand- oder Schlickböden.
Im Mittelmeer ist der Steinseeigel (Paracentrotus lividus) weit verbreitet und besiedelt flache Felsküsten. In den Tropen dominieren Diademseeigel der Gattung Diadema die Riffhabitate. In der Nordsee und im Nordostatlantik findet sich häufig der Essbare Seeigel (Echinus esculentus), der kalte, nährstoffreiche Gewässer bevorzugt. Die höchste Artendiversität erreicht die Klasse Echinoidea im Indopazifik.
Ernährung
Die meisten regulären Seeigel ernähren sich herbivor. Sie weiden Algenaufwuchs von Fels- und Korallenoberflächen ab, wobei sie mit der Laterne des Aristoteles auch hartes Substrat abraspeln. Einige Arten fressen zusätzlich Seegras, Schwämme, Bryozoen und organische Ablagerungen. Die irregulären Seeigel – vor allem Herzseeigel – sind Sedimentfresser, die organische Partikel aus dem Bodengrund filtrieren.
In Korallenriffökosystemen spielen Seeigel eine zentrale Rolle als Algenkontrolleure. Fällt ihre Population weg, wie beim Massensterben von Diadema antillarum in der Karibik 1983, kann unkontrolliertes Algenwachstum die Korallenriffe überwuchern und nachhaltig schädigen.
Verhalten & Lebensweise
Seeigel sind überwiegend nachtaktiv. Tagsüber verbergen sie sich in Felsspalten, unter Steinen oder in selbst gegrabenen Mulden. Nachts wandern sie auf der Suche nach Nahrung über den Meeresboden. Die Fortbewegung erfolgt langsam über die koordinierte Bewegung von Stacheln und Ambulakralfüßchen.
Seeigel leben solitär und bilden keine sozialen Verbände. Dennoch können sie in hohen Dichten auftreten, was vor allem an nahrungsreichen Standorten zu beobachten ist. Manche Arten zeigen ein auffälliges Tarnverhalten: Sie bedecken sich mit Muschelschalen, Algenbruchstücken oder Steinen, die sie mit ihren Ambulakralfüßchen auf der Oberseite fixieren. Der Zweck dieses Verhaltens ist nicht vollständig geklärt, wird aber als Schutz vor UV-Strahlung und Fressfeinden interpretiert.
Fortpflanzung & Aufzucht
Seeigel sind getrenntgeschlechtlich, wobei äußerlich kein Geschlechtsdimorphismus erkennbar ist. Die Fortpflanzung erfolgt durch externe Befruchtung: Männchen und Weibchen geben gleichzeitig Spermien und Eizellen ins freie Wasser ab. Die Synchronisation wird durch chemische Signalstoffe und Umweltfaktoren wie Wassertemperatur, Mondphasen und Nahrungsverfügbarkeit gesteuert.
Aus den befruchteten Eiern entwickeln sich zunächst bilateral symmetrische, frei schwimmende Pluteuslarven, die mehrere Wochen als Teil des Zooplanktons im Wasser treiben.